Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juni 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 11. Juni 1912.
Liebes Kind!
Nur zu einem kurzen historischen Bericht "ergreife ich die Feder", denn die Margeriten auf dem Schreibtisch sehen mich so an - als sollte ich für jedes Stück 10 Pf bezahlen. Wie konnten Sie diese Blume wählen, die heute in jedem männlichen Wesen unheilvolle Associationen und nächtliches Aufschrecken bewirken!
Also, Geliebtes, das dicke Stücke Arbeit ist vorbei, recht wie es sich geziemt: ohne tieferen Inhalt, aber als rhetorische Leistung der Keim eines Neides bei den Kollegen, der weiterwachsen und Früchte tragen wird. Es tut mir jetzt doch leid, daß Sie die Aula nicht gesehen haben: als ich unter dem Purpurbaldachin stand und die halbe Professorenschaft vor den dichtgedrängten Studenten, da
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| kam ein heroisches Gefühl über mich und ich kümmerte mich um keine Kritik mehr, sondern wollte mich vorstellen und aussprechen. Und merkwürdig, als das rein Begriffliche vorbei war und die ehrerbietige Akkomodation an Wundt, als ich mein Eignes aussprach, da - konstatierten die Sieversschüler, die an jedem Stimmstudien machen - soll meine sonst schon genau verständliche Stimme erst ihren vollen Ton erhalten haben!
Die Woche war eine große Leistung. Die 7 Examina haben sie nicht gerade erleichtert. Aber man muß auch hinzufügen, daß mit diesen 7 mündlichen Prüfungen (einschl. der vorher gelesenen Arbeiten) 225 M einkamen. Es ist doch eine ungerechte Verteilung, daß der Privatdozent verhungert, während der Professor keinen Gang ohne ein Goldstück zu tun braucht.
Die Meliorationen an mir u. meinem Hause verursachen zwar auch einen ganz guten Abgang. Der neue Anzug mußte zurückgehen, weil über
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| dem Knie ein auffälliger Webefehler war. Der Wandschrank ist für 11 M 25! in 27 Fächer geteilt u. schon beinahe voll.
25 Exemplare Dilthey habe ich verschickt. Dafür hat mir der Verlag 13 M berechnet. Von der Societas Joachimica habe ich noch immer keine Antwort, obwohl ich mich zuletzt an Excellenz Dernburg gewandt habe. Diese Rechnung jedenfalls bezahlte ich nicht, und wenn ich mich darum verklagen lassen soll. Denn die Auflage wird sicher ausverkauft, oder würde es bei entsprechendem Verleger. Für die Antrittsvorlesung habe ich 4-5 Verlagsangebote gehabt; sie wird aber nicht gedruckt. Ich schicke auch Ihnen das Ms jetzt noch nicht, weil es in verschiedenen, jedoch nicht abschließenden Redaktionen vorliegt.
Am Freitag beabsichtige ich 5 Studenten zu 1 Ausflug mit Abendessen einzuladen. Am Sonnabend nächster Woche ist der Professorenausflug, an dem ich vielleicht teilnehme. Am 28. Abends fahre ich voraussichtlich nach Berlin, bleibe Sonnabend dort; am 30. ist Zusammenkunft der 3 Universitäten
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| Leipzig, Halle, Jena in Kösen, woran ich recht gern teilnehmen möchte.
Im Kolleg bin ich jetzt bei Riehl. Es heißt hier immer noch, ich ginge nach Berlin. Döllken u. Frau waren auch bei der Vorlesung. Frau Volkelt ebenso.
Die Arbeit ist recht groß; es kommen so viele Verwaltungsgeschäfte hinzu.
Nun zum Schluß möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich heute die 800 M m. Zinsen an m. Onkel zurückschicke. Ebenso sende ich Ihnen [über der Zeile] heute noch 800 M zum Aufheben. Legen Sie es auf die Sparkasse, damit wir im August leicht dazu können. Auf den Abschnitt der Postanweisung schreibe ich eine Floskel, die nur für Neugierige gilt u. herzlich garkeine Bedeutung hat.*) [li. Rand] *) Auf der Sparkasse hier liegen jetzt 1000 M.
Daß Sie jetzt 3 Wochen "Ferien" haben, ist sehr schön. Wenn ich hier irgend Freunde oder Verwandte hätte, würde ich mit der Arbeit nie fertig werden.
Sonst noch viel Liebes und Gutes in stündlichen Gedenken
Dein treuer Bruder.