Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Juni 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 21. Juni 1912.
Liebe Schwester!
Es ist glücklich Freitag, und damit der Tag erreicht, wo nicht für die nächste Stunde schon etwas vorliegt, sondern freierer Ausblick zu sein scheint. Ich benutze diese erste Stunde, um Ihnen zu schreiben, damit Sie wissen, daß ich noch existiere, ja Ihrer täglich gedenke. Es soll kein Zeichen von Unzufriedenheit sein, sonder nur ein Ausdruck objektives Tatsachen, wenn ich noch einmal schildere, wie restlos hier die Zeit mit Pflichten besetzt ist. Es bleibt kein einziger freier Abend, nicht eine Stunde persönlicher Verfügung, sondern immer von Tag zu Tag ein Programm, das vorher bis ins kleinste berechnet sein muß. Die Staatsexamina sind nicht mehr ganz so zahlreich. Dafür kamen 3 Dissertationen auf einmal. Sie sollen sich danach ausmalen, wie sehr ich diesmal nach den Ferien lechze, und wie viel davon abhängt, daß unsre Hoff
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|nung auf ein paar schöne, gesunde Sommerwochen nicht vereitelt wird.
Es geht mir dabei, abgesehen von Gewitterschwankungen recht gut, weil die Arbeit nur selten wie in Berlin zur Hetzerei führt: ich habe meine langen stillen Arbeitsstunden im Hause, bei denen mich kein Mensch stört, u. es wäre auch ganz undenkbar, alles zu schaffen, wenn ich mich um irgend einen Menschen kümmern sollte. Trotzdem merke ich eine steigende Abspannung durch die Empfindlichkeit, die ich jetzt ganz kleinen Ärgernissen des Lebens entgegenbringe. In meinen Übungen habe ich häufiger solchen Verdruß gehabt; doch habe ich da mit energischer Hand Ordnung geschafft. Nun aber scheint es mir, als wenn de facto die Nachwirkung meiner Antrittsvorlesung nicht günstig wäre. Man sieht meinen Erfolg und beginnt, ihn mit etwas Neid zu betrachten. Es ist ja in der Tat erstaunlich, mit welcher Konstanz in der frühen Stunde von 8–9 sich 250 erhalten. Ich glaube mich nicht zu täuschen, daß dies besonders die Partei Brahn ärgert,
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| da Brahn partout nicht befördert wird. Dadurch aber kommt eine ganze jüdische Gruppe zusammen, die mir nicht wohlwill. Das könnte mir gleichgiltig sein, aber solange ich das Ordinariat nicht habe, muß ich mit ängstlicher Vorsicht verfahren.
Der Berliner Trumpf liegt ja vorläufig noch in den Karten. Aber auch da regt sich jetzt eine Befürchtung, die ich im stillen lange habe. Eine Stelle der Paulseneinleitung über Harnack (S. XXIX) ist so kurz gefaßt, daß sie in der Tat als beleidigendend gedeutet werden kann. Ein Recensent ist schon daran hängen geblieben. Gemeint ist die Stelle ganz sachlich. Sagen Sie mir doch Ihr Urteil darüber.
Nunmehr das übliche Referat über Einzelheiten: Vorigen Freitag war ich mit 3 Studenten (Volksschullehrern) um 6 Uhr im Ratskeller und dann von 8–12 in der Sumpflandschaft. Die Sache war für mich nicht eine ganz reine Freude. Die Gründe später einmal mündlich. Ein Student hat mir seinen Dank u. s. Sympathien durch Zusendung einiger nicht schlechter Gedichte ausgedrückt, darunter
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| ein sehr feines über Hölderlin. (folgt später.) Am Sonnabend war ich bei Steindorffs; die Sache dauerte bis 2. Solche 6 Stundengesellschaften kann ich natürlich bei meiner Tätigkeit nicht vertragen. Sonntag war Willy Böhm zweimal bei mir, ohne mich zu treffen.
Morgen von 2–12 ist mit Sonderzug der Professorenausflug, an dem ich teilnehmen möchte, aber auch muß, um nicht nur als Esser in den Gesellschaften zu erscheinen. Am Montag halte ich einen Vortrag über Rousseau im Verein für Volkswohl. (der Hund Diederichs versendet, ohne mir Mitteilung zu machen, eine 2. Aufl. 1912(!) ich vermute aber, daß er mir ein neues Titelblatt gedruckt hat.) Am Freitag nachm. fahre ich nach Berlin; am Sonnabend möchte ich einen Kaffee mit m. früheren Schülerinnen halten, irgende wo draußen, u. am Sonntag ist in Kösen die Zusammenkunft, zu der Leitzmann und Bauch sicher kommen. Zu bedenken ist, daß dann Montag früh gleich Kolleg u. Examen folgt.
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Sei's wie's sei, die Sache hat eine Kehrseite, die gegenwärtig nicht zu verachten ist: während des Semesters strömen die Goldstücke nur so zusammen, und die Jahreseinnahme geht weit über 12000 M. Zurücklegen läßt sich vorläufig nicht viel, weil ja immer noch Anschaffungen und Verpflichtungen nötig sind (50 M für Wundt, neuer Anzug und Hut, die verschiedenen Reisen etc.); aber wenn ich arbeitsfähig bleibe, so ist tatsächlich die finanzielle Frage nun definitv gelöst. Mein Onkel hat mir die Sendung der 820 M beinahe übel genommen; aber ich spare die Zinsen und bin den Gedanken dran los. Sie müssen berücksichtigen, daß im Juli noch eine Rate vom Kolleggeld folgt.
Wissenschaftlich lerne ich viel dazu; nur kommt natürlich der freiere Flug des Geistes bei dieser Tätigkeit nicht auf, weil der Schwamm jeden Tag bis aufs letzte ausgepreßt wird. Was mich dabei erfreut und stützt, ist wieder u. wieder der Gedanke an den August, der diesmal hoffentlich von Depressionen frei ist. Aus Ihrem lieben Brief lese ich freilich heraus, als ob es Ihnen
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| nicht einmal so mittelmäßig ginge, wie Sie schreiben. Daher bitte ich Sie, um meinetwillen sich recht stark zu halten und nichts auf Ihr Befinden einwirken zu lassen, was sich vermeiden läßt. Es hängt auch für mich sehr viel davon ab. Ich male mir im Stillen aus, daß Sie mich im August ein bißchen pflegen werden. Freudenstadt (falls wir dabei bleiben) wird uns beiden gut tun, um so besser, wenn wir es geschickt einrichten und Wohnungen finden, die uns von lästiger Geselligkeit frei halten. Denn bekannt bin ich nun ja wohl wie ein bunter Hund. Aber von den Sachsen geht kaum einer in den Schwarzwald. Sollten wir es nicht geeignet finden, können wir noch wechseln. Ich hoffe auch, daß Sie das ganze noch einmal überlegen u. Ihre Vorschläge rechtzeitig machen. Studieren Sie den Führer etc.
Schmoller hat mir auf einer Karte mit s. Bild sehr herzlich für die Diltheyrede gedankt, die ihm s. Frau vorgelesen hat. Die Schicksale dieser Rede sind romantisch. Heute (!) erhalte ich von der Societas 14 Exemplare,
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| und die 11 aufgegebenen Adressen sind nun glücklich doppelt beschickt!! Ich lasse die Exemplare sofort mit einer kurzen und kühlen Postkarte zurückgehen. 1 ½ Monate nach Erscheinen dem Autor die Freiexemplare zu liefern, ist wirklich horrend.
Zum Brüderchen in der Keithstr. gratuliere ich. Wann wird getauft? Dann müssen Sie über Leipzig kommen. – Was hören Sie von der Tante, dem Onkel, der Großmutter Knaps?
Troeltsch hat mir die Absolutheit geschickt. in der Vorrede bin ich in falschem Zshg erwähnt. Ich habe ihm 4 Seiten geschrieben. Bauer der Theolog ist leider (!) hierher berufen.
Budenbender hat die Lungenentzündung gehabt u. war zur Erholung in Leimen. Gestern Ansicht vom Gräfenstein. – Am 12 Juli eingeladen zur goldener Hochzeit von Knauers Schwiegervater, abgelehnt.
So, das ist wohl alles, was zu berichten wäre. Sorgen Sie für etwas besseres Wetter.
Halt, noch eins! Gestern war die Trauerfeier für Raoul Richter, bei der
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| Brahn sprach. Die Mutter, geb. Meyerbeer, war da, u. außerdem – Klinger mit seiner Geliebten, der Arseniew. Nach den Bildern hätte ich nie erkannt. Ein grobes Handwerkergesicht, von Rotwein durchglüht. Man sieht, daß das Genie manchmal die Erscheinung des Menschen nicht veredelt, sondern daß es ihn gleichsam nur besitzt, denn packend ist seine Kunst – selbst für mich.
Am 27. dachte ich ein paar Kollegen einzuladen, werde es aber wohl unterlassen, da ich die Woche zu sehr angestrengt bin, und meinem Herzen keiner recht nahe steht. Am liebsten sähe ich noch den jungen Historiker Schmeidler.
Nun, Geliebtes Wesen, kehre ich vom schriftlichen Gedenken zum stillen zurück und grüße Sie in Treue und Liebe.
Dein
Bruder.