Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2./3. Juli 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 2. Juli 1912. nach Feierabend.
Liebe Freundin!
Meine beiden Karten aus der Bahn und also meinen Dank werden Sie erhalten haben. Sie haben mir wie stets eine große Freude bereitet. Aber ich müßte lügen, wenn ich nicht sagen sollte, daß es mich innerlich noch mehr bereichert hätte, wenn ich aus Ihren Zeilen eine größere Freiheit der Seele herausgelesen hätte. Ich habe dafür, wie es ja selbstverständlich ist, ein unmittelbares Gefühl, und dieses sagt mir schon lange, daß Sie mir - wie der Arzt sagt - nicht gefallen. Mir geht's wie den Cyklopen vor der Höhle: Wenn Niemand Sie tötet mit List oder Gewalt, dann ist schwer zu helfen. Ich weiß nur zu gut, wie schwer der Kampf mit einem ungünstigen physischen Befinden ist u. wie wenig da alles Zureden nützt. Aber das möchte ich doch betonen,
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| daß es Gottlob Niemand ist, der Sie mit List oder Gewalt tötet. Wenn die Nerven nicht wären, wäre da eigentlich eine Veranlassung zum Gedrücktsein? Denn nehmen Sie an, daß das Erwartete geschähe, und es muß ja einmal geschehen, würden wir dann nicht gegen die realen Mächte gemeinsam ankämpfen? Ich möchte Sie bitten, für einen solchen Fall keine Entscheidung zu treffen, ohne mich zu befragen. Ich habe ein Recht dazu. Ich würde dann, wie Sie so oft, in den Verwicklungen persönlich auftreten, und es müßte doch seltsam sein, wenn da nicht in ruhiger Aussprache zu dreien ein Resultat zu erzielen wäre, das Ihnen eine Lebensmöglichkeit nach Ihrem Sinne sichert.
O, mein Geliebtes, warum immer so dunkel und dumpf? Das ist mir, als könnte ich garnichts geben, wo Du alles gabst. Haben wir denn wirklich mit unsern Kämpfen und Leiden nur erreicht, daß wir uns vor jeder neuen Zukunft
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| fürchten? Haben wir garkeinen Standpunkt, garkein Vertrauen zum Leben gewonnen? Das ist meine stille Mißbilligung, weil es doch auch eine stille Anklage ist gegen mich. Es gibt gewiß Situationen der vollen Ratlosigkeit. Aber man sollte sie herankommen lassen. Haben Sie bisher den Sonnenschein aus Ihrem ausgeteilt, sollte ich das nun garnicht können? Immer noch diese Hölderlinsche Angst vor dem Schicksal? Das würde ich verstehen bei dem, der noch nichts erduldet hat u. vor der ersten Berührung sich fürchtet. Aber es muß doch nach so viel Kämpfen eine innere Macht in uns gewachsen sein. Wollen Sie die immer noch nicht zeigen? Ich bitte Sie so oft darum, einmal Sie selbst zu sein. Sie können es für andre, Sie müssen es auch für sich selbst können.
Es ist das immer noch ein Punkt, mit dem wir nicht im klaren sind, und ich hoffe alles von den Sommertagen, von denen Sie aber reden,
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| wie von einem Unvermeidlichen, das man passiv hinnimmt. Lassen Sie doch Freudenstadt teuer sein. Teurer als Churwalden ist es sicher nicht, und wenn es dafür seinen Namen an uns bewährt, so können wir sagen, daß wir zugleich die Torheit des vorigen Sommers, nämlich eine unzweckmäßige Sparsamkeit, gutmachen. Ich hoffe alles von dieser Zeit. Davon nachher noch mehr.
Selten bin ich so beglückt und bereichert von Berlin gekommen wie diesmal. Ich fand meinen Vater recht gesund und zufrieden; alte Gegensätze sind verklungen, mein Recht auf Dasein ist gesichert, ich habe die Fäden in der Hand, u. der Geburtstagsbrief meines Vaters ist der Beweis, daß hier ein Sieg errungen ist, der auch die Vergangenheit erklärt. Am 28. war eine große Tafel nach unsern Begriffen: Mein Onkel mit s. Wirtschafterin, Nieschling, Ludwig, das Sumpfhuhn, der Registrator, u. Klara Runge, alle so nett und erfreulich, daß mir in diesem Kreise wohl war. Besonders Nieschling entfaltete seine alte Grazie.
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Am Sonnabend war ich erst auf den Bibliotheken u. der Universität, die mich vielleicht doch einmal wiedersehen. Nachmittags an der Havel; die Zusammenkunft funktionierte erst nicht ganz; dann waren wir, wie schon öfter, 13. Die Unterhaltung war mir wohltuend und vertraulich. Wir fuhren von Schildhorn bis Wannsee mit dem Dampfer!! El. Lüpke, El. Borries, Frl. Tuchel, Frl. Thümmel, Greta Schäfer, Charl. Koldsen, Hertha Ewers, Else Jacobus, Luise Hennicke, Erna Stolzenheim, Dora Jürgens, Hedwig Jonatat. Man muß nicht gewöhnt sein, mich so ruhig und gleichmäßig zu sehen. Denn Frl. Tuchel beschwor mich in einem Brandbrief, mich zu schonen, da ich das Semester nicht aushalten würde. Sie glaubte Gedrücktheit selbst in meinen Scherzworten zu finden. Es war aber nur Sicherheit und Befriedigung, die mich immer still machen. Der Abend war mir eine wirkliche Freude.
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Die Fahrt nach Kösen in dem von Juden überfüllten Zuge war entsetzlich. Aber das Zusammensein der etwa 150 Professoren sehr hübsch. Mit Bauch, Leitzmann, Menzer war ich besonders zusammen. Auf der Rückfahrt geriet ich mit den alten Geheimräten, besonders mit Seeliger, dem Schwager Volkelts, in eine fast kindliche Heiterkeit. Zum Schluß war ich noch mit Ehrenberg zusammen, Geh. Justizrat, Schwiegersohn R. v. Jherings, dessen Familie ich besonders nähergetreten bin. Wirklich erfrischt kam ich zurück. Nun hat die stramme Arbeit wieder begonnen, u. sie hat trotz aller Freude doch den einen Mangel, daß sie eben alles Menschliche, alle freie, innere Entwicklung u. Ideenentfaltung ausschließt. Hingegen bräuchte ich ein Gegengewicht, u. das muß ich im Sommer finden. Ich muß unabhängig vom Druck der früheren Nöte, mich weiter entfalten u. Ideen zur Reife
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| bringen, die eben doch noch im Schulleben wurzeln, nicht in der Universität.
Soviel ich nachgedacht habe, scheint mir doch nur Freudenstadt oder Berchtesgaden in Betracht zu kommen. Oder etwa die See? Aber wenn sie zugleich Spaziergänge bieten soll, bliebe nur Rügen, u. das ist teuer u. voll. Ich kenne Freudenstadt u. s. billige Seite. Wir wollen aber nicht übereilt wählen, u. lieber 2 Tage im Hôtel wohnen, damit wir finden, was wir brauchen.
Damit Schluß für heute; denn die Feder kratzt, es ist spät, u. die Seele bringt nichts Kluges mehr heraus.

3. VII. 12. nachm.
Heute war Se. Excellenz Wach bei mir. Trotzdem ist mir noch so schläfrig vom Mittagsschlaf, daß ich garnicht zu mir kommen kann. Aber es ist jetzt eine angenehme kühle Luft; der Sommer wartet anscheinend bis zum August. Ich hätte dem Gestrigen noch tausenderlei hinzu
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|zu fügen, u. so aber der Mittwoch ist immer dreifach arbeitsreich, u. so will ich nur noch bemerken, daß ich wahrscheinlich noch Ende dieser Woche 500 M an Sie schicken werde, unsern gemeinsamen Reisefonds, den Sie bitte so anlegen müssen, daß wir ihn Anfang August haben können. Ich bringe dann nichts mit. Die Finanzüberlegungen sind etwas schwierig, wenn man an so vielerlei denken muß.
Beiliegend eine Auswahl meiner Geburtstagsbriefe, die ich gelegentlich zurückerbitte. [unter der Zeile] Hermanns noch vor dem 12.VII. Ihre Rosen stehen noch vor mir, von den Schloßbiskuits nähre ich mich zum Kaffee. Dem Vorstand sagen Sie wohl für s. liebenswürdiges Gedenken m. Dank und alles Gute. Am 7. ist der Geburtstag, nicht wahr? Ebenso der Tante m. Dank. Ich schreibe, kann aber nicht allen zugleich.
Und nun alles Gute und innigen Dank
in Treue und Liebe
Dein
Eduard.