Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Juli 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 23.VII.12.
Geliebtes Ungeduldiges!
Auf Briefe warten, ist nicht die schlechteste Art, sich den Sommer zu vertreiben. Ich kenne schlimmere. Aber ich beeile mich, dienstergebenst zu melden, daß ich am Leben bin und Dienst tue und im übrigen wie Sie die Tage bis zum 5. August zähle, da es wirklich Zeit für die Ferien ist. Von einer Verminderung der Arbeit ist noch nicht die Rede; im Gegenteil: die Doktoren sind immer gleich bündelweise zu prüfen, soeben 3 hintereinander, und meine Sprechstunden dauern regelmäßig 2 - 2 ¼ Stden!! Daß da wirklich nicht viel Stimmung bleibt zu eingehenderen Nachrichten, ist eine physische
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| Tatsache. An innerem Verlangen und Stoff fehlt es nicht. Es freut mich sehr, daß Sie den springenden Punkt der Berliner Sache herausgefunden haben: man will keine Ablehnung haben. Riehls hätten vielleicht besser getan, die Achseln zu zucken und zu sagen: man muß es versuchen. Meine unbestimmte Antwort u. ein ähnlicher 2. Brief an Frau Riehl sind bisher unbeantwortet geblieben. Es bewegt sich also garnichts an der Sache; doch habe ich Symptome, daß bis Ende des Semesters noch eine Entscheidung fallen wird und sehe dieser (die ich übrigens voraus ahne) mit Ruhe entgegen. Sonst gibt es hier nichts Neues. Volkelt mißbilligt meine Feriensehnsucht; doch haben sie die meisten. Es ist nur noch so viel zu erledigen, daß ich nicht viel zu Vorüberlegungen komme.
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Ich denke, wir bleiben bei Freudenstadt. Finden wir keine passenden Wohnungen, so machen wir es wie in Braunlage. Die Hauptsache ist Luft und ungestörte Freiheit. Das Arrangement im einzelnen ist mir noch nicht klar. Es wäre mir lieb, wenn Sie mir wieder ein Zimmer wie voriges Jahr für die Nächte 5/6 u. 6/7 August reservieren ließen. Ich brauche wahrscheinlich noch Wäsche. Soll ich sie hier kaufen oder lieber in Heidelberg? Ich möchte sie gern in etwas größerer Partie kaufen, um Gleichartiges zu haben u. zusammen zeichnen lassen zu können. Ferner möchte ich Ibsen im Taschenformat lesen, besonders Brand, die modernen Sachen. Ihnen verordne ich heut schon Vorsicht und sorgfältige Schonung. Ich werde daher die Gewalttouren allein machen u. Ihnen nachher erzählen. Bringen Sie also zum Photographieren
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| und Malen mit, was ein Pinsel braucht. Die Rückfahrt geht bei mir, wenn irgend möglich, rheinab bis Cöln, Hagen - Halder, Lüdenscheid, Cassel.
Aber darüber reden wir ja noch. Ich kann heut nicht mehr schreiben, und bitte Sie nur, jede Hetzerei vor der Reise zu vermeiden, damit Sie wirklich etwas davon haben; denn Sie scheinen Sie nötiger zu brauchen als ich. Falls Sie Proviant besorgen, berücksichtigen Sie bitte, daß ich etwas irgendwie Hartes nicht beißen kann. Leider machen schon die Schloßbiskuits Mühe u. die mir lieber Weiße geschenkte Chokolade bringe ich für Sie wieder mit. Für den Zahnarzt habe ich jetzt weder Zeit noch Kräfte. Verloren sind die Zähne doch u. Schmerzen machen sie nicht - also!
Viele herzliche Grüße und auf Wiedersehen in 12 Tagen
Innigst Dein Eduard.