Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. September 1912 (Heidelberg)


Heidelberg, am 2 September 1912.
Mitternacht.
Mein Liebling!
Schöner Tage holde Spende
Naht wieder sich dem herb gebotenen Ende,
Durch unsre Seelen zieht, wehmütig bang,
Des nahen Scheidens klagender Gesang.
Nun lass' ich Dich, Du Sonne meines Lebens,
Duch sicheres Gestirn verworrnen Strebens;
Doch meine Seele bleibt bei Dir und lauscht
Dem ew'gen Quell der Dir im Busen rauscht.
Wie findet jedes ungestüme Wallen
In Dir sein tiefes zartes Wiederhallen,
Und alle Saiten, die Natur mir lieh,
Ertönen Deines Friedens Melodie.
Uns gab nach langem Kampf ein sanftes Ruhen
Das Schicksal aus verborgnen goldnen Truhen,
Und stolzer als die höchste Ehrenpracht
Hat Deiner Freundschaft Reichtum mich gemacht.
Laß dieser schönen Tage zartes Wehen
Um eines Dich aus tiefstem Herzen flehen:
Erfülle mich mit neuem hohem Ziel
Und hüte mich vor inhaltlosem Spiel.
Laß Du des Lebens reinere Gestalten
In meinem Busen sinnlich walten:
Bewahre mich vor allzu früher Ruh
Und flüstre mir ein großes Wollen zu.
Wühl' aus dem Schlaf verborgne Lebensgluten
Und laß mich Deinen warmen Hauch umfluten!
Ein Wort von Dir, in meine Brust gesenkt,
Hat immer mich zu neuer Tat gelenkt!
Eduard.