Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. September 1912 ( Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a.
Den 7. September 1912.
Liebe Schwester!
Zunächst will ich Ihnen die letzten Reiseeindrücke erzählen, damit Sie im Zusammenhang bleiben.
Nachdem ich Ihnen vergeblich nachgeeilt war, trieb ich mich im Dom und in den sehr belebten Straßen umher. Müde kam ich in den Zug nach Hagen, der überfüllt war. Ein Kind, das wie ein Wilder im Coupé herumsprang, gab mir Veranlassung, über schlechte Erziehung nachzudenken, stellte aber zugleich, indem es ununterbrochen gegen meine brennende Cigarre rannte, so hohe Anforderungen an meine Selbstbeherrschung, daß ich erschöpft in Hagen ankam. Aufs geratewohl ging ich in ein besser aussehendes Hôtel. Es war besetzt, man wies mich an ein andres, beim
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| vierten endlich sah ich nicht mehr so peinlich hin, und so kam ich in ein Gasthaus, das den Titel: "Zum wahren Schwein" hätte führen sollen. Auf einem Handtuch wiegte ich mich schließlich mit dem Gedanken in Schlummer, daß in Italien honnetten Leuten Ähnliches passiert und daß es doch wenigstens nicht kribbelte.
Verstimmt und bei strömendem Regen kam ich in der Frühe in den Zug nach Schalksmühle. Die Gegend ist hügelig, waldig (Laubwald), von kleinen, aber reißenden und hohen Flüssen durchzogen. Viele Bilder hätten ohne den Regen lieblich heißen könne. Die Kleinbahn von Schalksmühle nach Halver übertraf die Darstellung jeder Humoreske. Aber sie kletterte tapfer empor, und endlich stand ich auf einer rauhen, windigen Höhe (ca 450), über die schwarze Wolken drohend hinjagten. In der Ferne reihte sich Höhenzug an Höhenzug, auf den Wiesen breiteten sich bunte Herden aus, und vereinzelte Häuser blickten aus den Waldungen. Halver selbst hält die
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| Mitte zwischen Stadt und Dorf. Hohe stattliche Häuser, jedenfalls keine Bauernhäuser. Das Ganze machte einen etwas schweren und düsteren Eindruck, wie die Westfalen verschlossene, ernste Menschen sind. Die hochgelegene Kirche ist eintönig und reizlos. Davor liegt das Fastenrathsche Haus und die "Fuhr", das erste Hôtel am Platze. Ich sah mich um und wanderte aufs geratewohl die Hagener Landstraße entlang. Die Neue Mühle lag natürlich in entgegengesetzter Richtung. Nach einem kleinem Frühstück in der "Fuhr" machte ich mich auf den Weg, und, durch wiederholte Auskunft irrgeführt, fand ich endlich ein kleines Häuschen, Fachwerk mit Weiß, unter Weiden und Erlen versteckt, eine Wassermühle, die der kleine, kaum sichtbare Bolzenbach treibt. Während ich alles betrachtete, ging über den Hof zu den Nebengebäuden ein alter Herr mit langer Pfeife. An ihn machte ich mich heran. Ich fragte nach dem Besitzer u. er erzählte mir, daß die Mühle einst ihm (Herrn Pulvermacher) gehört habe, daß er sie aber an seinen Sohn
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| abgetreten habe. Er fragte auch nach meiner "Branche", und als er hörte, in welcher Absicht ich käme, wurde er warm und gesprächig und erzählte von der Verwandtschaft bis ins 10. Glied aufwärts. "Sie haben auch eine Tante Jette in Berlin. Die war Vorsteherin in einem großen Geschäft oder so was." Dann führte er mich in die Backstube zu seinem stilleren Sohn, und ich sah zu, wie gemahlen und gebacken wurde, während der Alte die großen Brote an einer langen Stange aus dem Ofen holte und erzählte, erzählte. Der Bäckerlehrling aber war ein Berliner, aus der Schönhäuser Allee, also ein Freund und Landsmann. "Das jefällt uns aber juat, daß Sie uns hier besuchen", sagte der Alte, das jefällt uns janz ausnahmsweise juat." Endlich führte er mich auch noch zu seiner Alten, die mich verständnislos ansah und eine seltsame Sprache sprach. Nachdem ich er mich ein Stück Weges begleitet hatte,
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| nahm er Abschied, stolz über das Geschenk meiner Visitenkarte.
Im "Löwen" aß ich recht gut, während das Unwetter draußen forttobte, und kam um 2 zu Fastenraths. Die ganze Familie stand noch sehr stark unter dem Druck des eben erlittenen Verlustes. Von Geschäft und Wohnung will ich hier nicht viel erzählen. Genug, es stellte sich heraus, daß noch ein angesehener Vetter "Schönenbeck" nebenan existierte, den schon der alte Pulvermacher in hohen Tönen gerühmt hatte. Ein Besuch war unerläßlich. Der Mann war glücklicherweise in Lüdenscheid. So erreichte ich, von Frl. Fastenrath begleitet, bereichert um eine Decke für 5,75 für die Tante, in Sturm und Regen den Zug nach Lüdenscheid, nicht ohne harten Kampf mit F.s, die mich dabehalten wollten.
Der Zug steigt stark bergan; auf der Höhe liegt die industriereiche, 35000 Einwohner zählende Stadt Lüdenscheid. Über den höchsten
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| Punkt und auf der andern Seite wieder herunter kam ich nach der Schützenstraße. Etwas rückwärts im Grunde liegt das kleine Haus, das meiner Tante gehört, vorn tief umschattet von Bäumen, hinten mit weitem Blick über die Höhen. Eine liebe alte rundliche Frau mit fast weißem Scheitelhaar macht mir auf, erkennt mich gleich, führt mich in eine freundliche, meisterhaft ordentliche Stube, in 2 Minuten kommt sie fein schwarz angezogen wieder, und wir reden nun von Neuem und Uraltem, ohne Interesse daran, nur uns betrachtend. Die Ähnlichkeit der andern Schwester mit meiner Mutter ist größer. Jene hat die Stirn, diese aber, wie ich erst im Augenblick des Abschieds entdeckte, ganz die Augen.
Etwas beklommen war die Unterhaltung. Bald stellte sich heraus, daß nicht nur der jüngste Sohn bei ihr wohnte, sondern über ihr der älteste mit seiner Familie, und in der Nähe ein dritter - der vierte in Neuenrade. Alle sind Arbeiter u. waren noch in der Fabrik.
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| Allmählich aber kamen sie, und dazu die Frauen der älteren, und drei Kinder, die den neuen Onkel betrachten wollten. Ich war auf so viel Vettern nicht vorbereitet; die Unterhaltung stockte, aber die Eigenart der 3 Leute hatte ich bald heraus. Der älteste, am liebsten mit seinem Platt beschäftigt, hatte etwas von Knautschenberger, und schien mir in der Gutmütigkeit zu excellieren. Von den andren aber hatte jeder sein Ideal: der eine das Turnen, der andre das Wandern. Und die Frau von Erich [über der Zeile] Otto, in ihrem schwarzen Staatskleide und mit dem netten 11 jährigen Jungen, dessen Liebhaberei Bücher sind und dem in Cöln der Zoologische Garten am besten gefallen hat, machte in ihrer unbefangenen Redegewandtheit und lieblichen Erscheinung auf mich einen tiefen Eindruck. Jedes von den Kleinen bekam eine M in die Sparkasse. Ich sollte durchaus etwas essen: man hatte eine feine Flasche Wein erstanden und etwas Belag und Brötchen, alles sehr freundlich; aber
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| die Situation war dazu etwas zu beklommen. Nach über 2 Stunden brach ich auf, und die 3 Vettern im Sonntagsrock gaben mir das Geleit nach meinem Hôtel. Ich nötigte sie hinein, und wir tranken ein paar Glas Bier. Ich ließ 3 Portionen Aufschnitt kommen. Was das in Westfalen ist, muß man gesehen haben. Die älteren u. ich rührten ihn kaum an. Der jüngste aber beschäftigte sich zu meiner Freude und theoretischen Belehrungen über mögliche Magenqualität damit, alles allein zu verzehren. Die Stimmung wurde nun freier. Wir fanden Gefallen aneinander. Besonders der Turner scheint mir ein ausgezeichneter Mensch. Um 11 trennten wir uns im besten Einvernehmen. Im nächsten Jahr kommen die Turner nach Leipzig, und damit die Vettern Otto und Schönenbeck.
Ich schlief ausgezeichnet, hatte aber den nächsten Tag eine Magenindisposition, die sich dank Ihrer Gifttafeln in mäßigen Grenzen gehalten hat. Im Ganzen war ich erschöpft und apathisch. Ich habe die schwarze Tasche,
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| wie ich schon auf der Karte schrieb, nicht geöffnet, und erst heute morgen flog mir Ihre Feder zu. Innigen Dank für Ihr Versprechen, auch künftig meine Schwungfeder sein zu wollen. Ich brauche das jetzt sehr, daß mich einer auf- und anregt, da das Leben stiller und in dieser Stille eben reiner lebt als ich. In diesem Sommer war ich oft über meine Gedankenarmut erschrocken. Es ist zeitweilig wie ausgebrannt, und das ist nicht bloße Müdigkeit, es ist auch Krise, ob noch etwas Neues kommt, oder ob ich à la Schelling nun fertig bin.
Die ersten Eindrücke zu Hause waren nicht übermäßig freundlich. Zunächst kam ich nicht in die Wohnung. Grund: ich hatte mich gegen 7 angemeldet u. war schon um ½ 7 da. Alles lauerte hinter der verschlossenen Tür, in der Meinung, es käme unerwünschter Besuch. Endlich beim 15. Klingeln nach einer halben Stunde wurde aufgemacht. Mein Vater war etwas krank gewesen, das bekannte
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| Fieber, ohne ersichtlichen Anlaß, durch verfrühten Diätfehler in die Länge gezogen, im ganzen eine Woche eingestellter Gewohnheiten u. von fremden Arzt behandelt. Dann kam eine Flut Hintertreppengeschichten, die ich kurz abschnitt. Ein Versuch, die Vorgänge der letzten Tage zu erzählen, scheiterte an den bekannten Unterbrechungen. Interesse für Fremdes ist noch geringer geworden. Heute kamen dazu Klagen über Teuerung: von 250 M im August ist nichts übrig geblieben. Der Betrag v. d. Sparkasse konnte infolge Bettliegen nicht abgehoben werden. Ein Freund - Herr Preßler - ist eingesprungen. Im ganzen dieselben Unerfreulichkeiten wie sonst. Ich begreife dann, daß ich so krittelig geworden bin, und sehe doch andrerseits wieder das Wohlmeinende mit der eigenartigen Färbung, die Sie auch aus beiliegender Karte entnehmen. Meine weitere Entfernung wirkt immer ungünstig. Hoffentlich findet sich nun wieder eine Form, bei der beide Teile auskommen.
Und eine endlose Korrespondenz lag da.
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| Der Dekan gratuliert und will am 11. oder 14. in Leipzig ein Protokoll aufnehmen. Also neue Reisedispositionen. Die Voss. Zeitung bringt einen ehrenvollen Artikel, aber mit groben Unrichtigkeiten. Vielleicht kann ich Ihnen ein Ex. davon schicken. Zahlreiche Gratulationen, auch von Eucken. Neue Anfragen und Aufträge. Ich muß mit aller Energie jetzt in die Arbeit kommen, sonst gibt es nachher Gedränge, und das wäre die schlechteste Diät. Ich hoffe, diesmal schneller über den Luftwechsel oder die Folgen der Eisenbahnfahrt - eins von beidem muß es sein, - hinwegzukommen. Das ist dann auch Zeitgewinn.
Und nun zu Ihnen, nur dem Raum nach: denn immerzu denke ich daran, wie Sie angekommen sind, wie sie die Tante gefunden haben u.s.w. Ihre lieben Worte haben mich tief berührt. Ja es ist so. Was ich in der Heidelberger Nacht hinwarf, ist wohl nicht Poesie, aber leidenschaftlich Erlebtes.
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| Damit ende dieser lange Brief, der Ihnen ein Sonntagsgruß sein soll in Liebe und Treue. Der Tante viele herzliche Grüße. Auf Weihnachten!!
Wann fahren Sie nach Cöln? Nur mit bedrückten Gefühlen habe ich jene Gegend bei nächtlich düstrer Beleuchtung gesehen. Welche Kluft, diese Industrie Sklaverei, und die freie bäuerliche Welt auf den Höhen unsres Schwarzwalds. Und doch - sind die Menschen dort glücklicher?
Lebe wohl!
Dein
Eduard.