Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. September 1912 ( Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a.
Den 11. September 1912.
Liebe Schwester!
Das war ja eine richtige Weihnachtsbescherung, was Sie mir da geschickt haben! Wie liebevoll haben Sie wieder für alles gesorgt! Vor allem danke ich Ihnen für das teure Andenken. Einen Kompaß durch das Leben - ja, wer den hätte! Aber für uns ist der erste Besitzer dieses Kompasses ein hoher Leitstern gewesen. So erbt der Väter Segen!
Den Napfkuchen habe ich rechtlich zu beanspruchen. Nicht so das Bioson. In Leipzig will ich es genießen. Dort sind Anordnungen der Art weniger umständlich. Die Cakes sind ganz meine Sorte. Auch für die Taschentücher nochmals herzlichen Dank. Das einzig Überflüssige ist der Seiflappen.
Mit herzlicher Teilnahme habe ich die anbei zurückfolgenden Briefe gelesen. Merkwürdig, daß Eltern und Kinder nie miteinander zufrieden sind.
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Sehr mißbillige ich es, daß Sie eine Halsentzündung haben. Hoffentlich nur einen Anflug, der bald verschwunden ist? Bitte Nachricht. Seien Sie beide nur auf der neuen Reise recht vorsichtig. Wintersachen! Und keine Dampferfahrt von Cöln. Von allen Seiten kommen jetzt Unwetternachrichten, am schlimmsten aus unsren Gegenden. Der andre Universitätsprofessor, der in Freudenstadt war, ist bereits tot, wie Sie wohl gelesen haben (Kähler, dort gestorben!)
Mir geht es gut. Freilich, der Boden, wo ich mich glücklich fühle, ist hier nicht. Es ist wie auf lauter Trümmern. Trotz allem - das Vertrauen fehlt, alles ist mir heterogen. Vielleicht bin ich ungerecht. Aber diese Stimmung haftet an den Räumen.
Inzwischen habe ich mich tief in Probleme eingesponnen. Es liegt etwas Eigentümliches darin, daß in derselben Zeit, die mir äußerlich den Abschluß brachte, innerlich alles in mir unsicher ist. Ich unterliege den mannigfach
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|sten Stimmungen, verfolge alle möglichen Perspektiven, und finde kein Ankergrund.
Zuerst habe ich die Religionsphilosophie vorgenommen. Ein Labyrinth von Meinungen. Wie weit geht Freiheit, Individualität, Toleranz? Ist Religion mehr als Stimmungssache, so muß es einen Kern geben, um den sich die sonst nüancierten Ansichten sammeln können. Wahrheit im Sinne wissenschaftlicher Einsicht kann es nicht sein. So bleibt mir eine Lebensform. Und die Kritik für diese? Ich neige jetzt dazu, sie in dem zu sehen, daß ohne gewisse Überzeugungen, Worte, Stellungnahmen unsre geistige Organisation nicht lebensfähig ist. Religion ist das, was dem Leben Sinn gibt. Deshalb lebt sie auf dem Grunde unsres Handelns und unsrer Lebenserfahrung. Ich muß abbrechen.
Bei Böhms bin ich gewesen, habe aber nur die Kollegen begrüßt. Gestern bin
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| ich allein von Pankow durch den Park nach Nordend und dann am Rand der Heide nach Wilhelmsruh gegangen. Trüb und regenschwer. Aber als ich über die Ebene weg in der Dämmerung Rosenthal liegen sah und mich in der Mark wußte, wie einst erfüllt von Lebensgedanken und wogenden Problemen - da fühlte ich mich tief ruhig und glücklich. Das war bisher der schönste Augenblick hier.
Heute sah ich Lindau; nachm. will ich zu Scholz. Morgen Oesterreich u. O. Braun, übermorgen Paulsen.
Ich fahre erst am Montag. Inzwischen nur kurze Nachrichten.
Ich lebe im Gedenken der vergangenen Tage und sie geben mir die Sicherheit, um die ich oft innerlich kämpfe. Das ist das Licht, das in die Zukunft scheint.
Zwei hübsche Bücher lese ich: Scholz' Fichteausgabe u. Bergmanns Guyau. Mitteilungen darüber später.
Ich gedenke in Liebe u. Verehrung der Tante und wünsche Ihnen beiden eine gute Reise. Nehmen Sie an, ich säße bei Ihnen im Coupé. Viel <li. Rand> herzliche Grüße in treuer Liebe u. Dankbarkeit Eduard.