Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. September 1912 ( Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 25. September 1912
Liebe Freundin!
Ich wollte Ihren lieben poetischen Brief mit den Cölner- u. Rheinerinnerungen und der Ansicht von Aachen erst in glücklicher Stimmung beantworten, und habe daher bis heute damit gezögert. Meine Absicht ist leider nicht ganz erreicht; denn nachdem ich mich heute endlich in zahnärztliche Behandlung begeben habe, habe ich Schmerzen, die bis in den Kopf hineinstechen. Die Tage vorher war auch nichts los. 5 Minuten nach dem Wiedersehen gab es hier am Sonntag einen sehr heftigen Zusammenstoß, der mich derartig aufregte, daß ich noch am nächsten Tage nichts arbeiten konnte. Infolgedessen komme ich mit meinem Programm nicht vorwärts und sehe mißmutig in die Zukunft.
Lassen Sie mich daher lieber an die
[2]
| Vergangenheit denken, die mich noch täglich erfüllt, wenn ich auch leider in den Dom oder die Passage nicht wieder gekommen bin.
Von hier gibt es nichts Neues. Am Sonntag waren die beiden Damen Fastenrath da. Am Montag machte ich den Versuch, bei Willy Böhm ein paar Stunden übertragen zu erhalten, was rundweg abgelehnt wurde. Gestern hatte ich einen anregenden Abend bei Scholzens. Helene freilich kommt mir immer wunderlicher vor. Im übrigen verfolgt mich eine lästige Korrespondenz zahlloser Promovenden. Ich lese Examensarbeiten auf Mord, da mir die Stimmung zu eignem Denken noch nicht wieder kam. Riehls sind eben nach Tirol abgereist.
Nach Kochberg komme ich vielleicht doch noch, da der Baron in der Tat jetzt Wert darauf zu legen scheint. Er geht nämlich auf 3 Jahre nach Südbrasilien. Ich will also versuchen, zwischen Ferienkursus und
[3]
| Hochschulpädagogik noch der Einladung zu folgen. Heute Nachm. gehe ich mit Willy Böhm in den Grunewald. An der Abschiedsfeier der diesjährigen Abiturientinnen werde ich teilnehmen und wahrscheinlich zum Schluß noch eine Tagestour arrangieren. Bei alledem florieren meine Vorlesungsvorarbeiten miserabel. Ich befinde mich in einer solchen Stagnation, daß mir dieser Brief Mühe macht.
Hoffentlich kommen Sie bei Port besser fort. Wenn Sie recht bösartige Zähne malen, denken Sie, es seien meine. Der Arzt hat mir jetzt eine Rhodankomposition verschrieben, da dieser Stoff in m. Munde nicht ausreichend vorhanden sein soll. Ich fürchte aber, er hat mir außerdem wie voriges Jahr durch seine Behandlung eine Wurzelentzündung fabriziert, was ich ihm übrigens voraussagte. Wenn ich nicht zum Arzt gehe, habe ich eigentlich keine Schmerzen.
[4]
|
Geld habe ich mir in großen Haufen aus Leipzig mitgebracht (500 M). Sollte ich trotzdem nicht bis zum 9. Oktober reisen, würde ich noch schreiben.
Heute aber fällt mir das Schreiben so schwer, daß ich auf S Ihre Nachsicht hoffe, wenn ich so kurz abbreche. Ein andermal geht es leichter. Darum herzliche Grüße, auch den Damen Knaps, und alle guten Wünsche.
In treuer Liebe
Eduard.

Das Brandbuch, für das ich mich noch garnicht bedankt habe, habe ich gelesen, mit leidenschaftlicher Teilnahme bis Akt III. Als ich nach Leipzig fuhr, stand ich in dem sehr schwachen 5. Akt. Seitdem bin ich bezeichnenderweise nicht zur Beendigung gekommen.
Meine Tante Pauline läßt Sie wiederholt sehr herzlich grüßen.