Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Oktober 1912 ( Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 1. Oktober 1912.
Liebe Freundin!
Hiermit lege ich einen ganzen Bündel von Danksagungen Ihnen zu Füßen: zuerst für die diesmal besonders schönen Herbstzeitlosen, die meinen Schreibtisch zieren, dann für Ihren lieben langen Sonntagsbrief, und endlich für die heute erhaltene Karte.
Sie müssen meine Schreibfaulheit als einen rein physischen Zustand ansehen. Es ist in mir ein Untergrund schlechter, melancholischer Stimmung, der wahrscheinlich hervorgerufen ist durch Kontrast zu dem schöneren August, andrerseits aber durch eine Nervenstellung, die erst dann wieder anders wird, wenn ich mit mir nicht mehr zu tun habe.
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Dazu kommt allerdings ein gewisses Schwanken und Sichumbilden in meinen Überzeugungen, das ich ganz allein durchmachen muß, weil keiner auf der Stufe ist, um mir helfen zu können. Wo man auch die Philosophie anfaßt, an jedem ihrer Punkte tut sich dasselbe Loch immer wieder auf. Es ist schließlich eben das Problem des geistigen Lebens. Und daß ich darüber nicht klar bin, obwohl ich diese Dinge lehren soll, das bedeutet mir einen inneren Stachel.
Daß in der Religion ein objektives Moment u. ein subjektives Zusammenwirken, unterliegt keinem Zweifel. Ebenso steht fest, daß auch das Objektive nur an seiner subjektiven Erscheinungsform erkannt werden kann. Aber nicht jede Erlebnisform des Objektivens ist religiös;
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| nicht jede religiöse Haltung ferner das, was man früher "wahr" genannt hat: ich würde sagen, nicht jede ist auf demselben Niveau. Diese Höhe der religiösen Standpunkte zu kritisieren, ist meine wissenschaftliche Aufgabe, u. es handelt sich da um Methoden, um Kriterien, nicht um bloßes Aussprechen von Stimmungen.
Zahlreiche Schriften habe ich gelesen u. in jeder ein Körnchen Wertvolles gefunden. Am besten ist wohl noch Höffdings Bestimmung, daß die Religion das Verhältnis von Wert und Wirklichkeit ausdrücke.
Die Wirklichkeit ist in ihren typischen Grundzügen für uns dieselbe - Geborenwerden, Leben, Leiden u. Sichfreuen, Sterben. Aber unser Wertverhalten dazu ist mannigfacher Schattierungen fähig. Wer hat den wahren Sinn und Wert dieses Lebens? Ich kann mir denken, daß dieser Sinn den
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| einzelnen in Teilerfahrungen aufgeht, gleichsam in gebrochenen Strahlen. Aber ich kann nicht annehmen, daß alle recht haben. Wo liegt nun das Kriterium?
Man tadelt die sog. Wunsch- u. Postulatentheorie. Es scheint mir aber keine Form zu geben, die aus ihr befreite. Daher muß man aus der Not eine Tugend machen. Jede Sehnsucht, die in uns lebt, jede Wertforderung, die in uns erwacht, entspringt aus unsrer geistigen Organisation u. kann deshalb nicht eliminiert werden. Das Kriterium liegt nun darin, ob es unter der Herrschaft solcher Wertforderungen möglich ist, zu jener inneren Harmonie, Befriedigung zu kommen, die man den Frieden Gottes nennt. Dies ist jetzt für mich das eigentliche Centrum des Religiösen: Versöhnung von Wert u. Wirklichkeit, Geistige Selbsterhaltung, die sich als Kraft u. Einheit im Gegensatz zur Ohnmacht u. Zerrissenheit
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| äußert. Damit folgt aber für mich zugleich die Forderung, daß der gegebene Zusammenhang, der allem Wert und allem Sinn, aller Gerechtigkeit u. aller Menschlichkeit wider streitet, mir phänomenal ist. Diese Welt kann nicht das letzte Wort sein.
Das ist der Satz, in dem ich mich von Ihnen unterscheide, und ich kann ihn nicht aufgeben.
Meine Zähne haben sich beruhigt; ich war jetzt 3 mal beim Arzt und muß noch öfter hin, empfinde aber jedesmal die lebhaftesten Nervenschauer beim Bohren. Die Rede für die Hochschulpädagogik (45 Quartseiten) habe ich gestern u. vorgestern hingeschrieben. Erst war ich voll von der schlagenden Kraft meiner Gedanken, jetzt, wo sie fertig ist, gefällt sie mir nicht mehr.
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Am Sonnabend ging ich von Sadowa nach Friedrichshagen den bekannten Weg. Herrliche Färbungen! Meine Gedanken wuchsen an dieser Stille empor. Sonntag war ich mit dem Registrator in Jungfernheide, Sontwinkel, Dampfer Tegel, Hermsdorf. Gestern in Baumschulenweg, niemand getroffen. Stattdessen 1 Stunde Frau Knauer zugehört. Eben will ich zum alten Böhm. Heut abend ist das Abschiedsfest.
Wenn wir in regelmäßiger Verbindung bleiben wollen, so muß eine verschließbare Mappe mit leicht auswechselbarer Adresse alle 8 Tage als Packet die laufenden Sachen vermitteln. Vielleicht können Sie so etwas ausfindig machen. Manches braucht man nicht zu schreiben, wenn man es im Original beilegen kann u. zu bestimmter Zeit wiedererhält.
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Was ist aus den Liedern des Heinzelmannschen Hauses geworden?
Ich freue mich über alle Begriffe, daß es Ihnen gut geht, u. daß man Ihnen das ansieht. Sorgen Sie dafür, daß es bleibt, durch vernünftige (nicht zu sparsame) Ernährung u. regelmäßigen Wechsel von Arbeit u. Erholung. Arbeit an sich ist nicht schädlich.
Von Biomalz müssen Sie mich dispensieren. Ich habe nicht Zeit, den Tag in Medikamentalform zu zerlegen. Momentan esse ich Tabletten, die mir der Zahnarzt verordnet hat. Sie sollen der Caries vorbeugen, Verkalkung verhindern und selbst Leichen jahrelang konservieren.
Ludwig ist wie verwandelt. Für mich bedeutet dies einen neuen Verlust.
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| Mit meinen Besuchen werde ich natürlich hier nicht fertig. Mit den Collegs bin ich weiter zurück als je.
Trotzdem werde ich auf lebhafte Einladung, wahrscheinlich noch am 14. und 15.X nach Kochberg fahren. Am 9.X früh fahre ich nach Leipzig, komme aber den 20. - 22. wegen Riehls nochmal zurück.
Sonst weiß ich nichts als innigste Grüße
In Treue u. Liebe
Eduard.