Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Oktober 1912 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 8. Oktober 1912. abends.
Mein Geliebtes!
Morgen früh geht es fort von hier, und da muß ich Ihnen noch einmal schreiben, ehe ich im Meer der Arbeit versinke. Sie haben zwar von meinem Innenleben viel gelesen, aber immer etwas objektiviert. So füge ich dem noch einige Einzelheiten bei.
Ich habe mich die letzten Tage über in einer inhaltvollen Stimmung befunden, die dem klaren Herbstsonnenschein verwandt war. Das Leben lag vor mir wie eine leuchtende, eine wenig wehmütige Landschaft. Alle tiefen Gedanken entstehen daraus, daß sich der Gehalt des Daseins in einzelne Augenblicke gleichsam kontrahiert, Stunden der Besinnung und Sammlung. Daß da nun nicht viel Berufsarbeit geleistet wurde,
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| wird sich vielleicht rächen. Aber ich denke, Sie müssen fühlen, daß jene eilige Skizze doch aus meinen Tiefen quoll. Das ist wie eine Herbstfrucht: ein Aussprechen, dessen was ich bin, so tief Worte es fassen. Solche Standpunkte lassen sich nicht widerlegen.
Natürlich ist die Mark schuld daran; dieses Wunderland, mein Heimatland, nach dem ich mit einer Sehnsucht schaue, die jedes Ordinariates spottet. Auch die Schulerinnerungen wirkten mit, freilich Abschiedsklänge. Es ist nun wohl das letzte Mal, daß ich eine Abschiedsfeier meiner Schülerinnen mitmachte. Die Sache am Dienstag war an sich nicht inhaltstief; aber sie wurde es für mich durch ihre Bedeutsamkeit. Der Ausflug am Sonnabend aber war von allen guten Göttern begünstigt. Erkner, Grünheide, Altbuchhorst, Woltersdorfer Schleuse, Erkner. Herrliche klare Sonne über den stillen Seen, ein frischer
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| Hauch, Harmonie der Geister. Außer Frl. Thümmel und Frl. Tuchel waren 15 junge Mädchen mit, von meinen Lieblingen fehlten freilich viele, manche waren mir gleichgiltig. Aber die Stimmung war so heiter - würdig, wie selten. Tanzen, Kegeln, Spiel im Walde, Gespräch wechselten mit einander. Auf dem Dampfer und in der Bahn Gesang. Meine ganze Bewunderung verdient vor allem Frl. Thümmel, die das Schmerzliche der Situation mit aller Tapferkeit in inhaltvolles Genießen verwandelt. Und auch Frl. Tuchel, anspruchslos wie immer, findet sich so nett in den Zusammenklang des Ganzen.
Am Sonntag wollte ich Ludwig u. s. Braut besuchen, kehrte aber unterwegs um, weil ich keine Blumen bekommen konnte, u. eigtlich - schlimm genug - weil ich zu sehr mit mir beschäftigt war. Montag war ich bei Runges u. fand auch dort ein liebliches Bild mit vieler Harmonie. Heute war
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| ich bei meinem Vetter Carl Körner. Diese sonst mir vorbildlich zusammenhaltende Familie hat einen schweren Schlag dadurch erfahren, daß sich meine Tante in einem Anfall von Gemütsdepression aus dem Fenster stürzte. Sie lebt noch; aber auch mir ist das Bild der prächtigen Mutter und Frau dadurch getrübt.
Vorher war ich bei Erdmann, der übrigens sehr erfreut und sehr nett war. Neues habe ich kaum gehört, außer seiner Geneigtheit für mich und der Tatsache, daß d. Ministerium dem neuen Vorschlag gegenüber - schweigt!! Auch Schmoller und Lenz habe ich besucht, nur Frau Lenz getroffen, Erich Schmidt u. Hintze verfehlt.
Wenn Sie die Konsequenzen des Scholzschen Aufsatzes ganz übersehen könnten, würden Sie ihn mit mir bedenklich fühlen. Er führt uns in Spekulation zurück, während wir in der Religion nur aus dem Leben quellende Besonnenheit wollen. Leider haben wir uns zur Besprechung darüber gegenseitig verfehlt.
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Was Sie an Fontanes Roman gestört hat, weiß ich. Leute von gutem Gedächtnis würden sogar wissen, daß ich es bereits angedeutet habe. Nur so viel läßt sich sagen, daß der Dichter es gewollt hat; ich fühle auch, weshalb er es gewollt hat: es ist diese besonnene Realistik, die er in allem hat. Ob es als gelungen zu bezeichnen ist, möchte ich bezweifeln.
Graf Yorck schreibt mir, daß er Tubner vorgeschlagen hat, in die neue Auflage von "Erlebnis und Dichtung" meine Rede als Einleitung aufzunehmen. Ich zweifle, ob der Verleger es tut.
Und die Zukunft? Sie wollen volle Wahrheit, u. so muß ich Ihnen sagen, daß ich nicht ohne Besorgnis in dies Semester gehe. Meine Kollegvorbereitung hat niemals schlechter gestanden als diesmal. Die Arbeit ist ganz ungeheuer; hoffentlich komme ich durch. Aber es ist in mir eine gewisse Kühle für die Kinderpsychologie, die ich lesen soll. Es ist
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| überhaupt so, daß ich ohne Enthusiasmus in das Semester gehe. In die Schule ging ich anders. Ich bleibe ein Träumer; ob die Menschen mein kompliziertes Ich verstehen und nützen werden, das ist doch dunkel. Ich bin so gar kein Klarheitssystematiker. Man muß bei mir mit allerhand Wogen rechnen. Offen gesagt, denke ich an den März wie an einen Lichtschein nach dem Winter. Erst jetzt fühle ich, daß ich zum Beamten nicht tauge. Immer zur Zeit dazusein - ein peinvoller Gedanke für den, der aus dem Leben schöpft, nicht aus Büchern.
Nun also erst 3 Tage Ferienkursus, dann wahrscheinlich Kochberg, dann die Universitätsrede, am 20. bei Riehls. Vom 23. ab beginnt unterbrechungslose Dienst.
Mein Onkel u. Nieschling lassen Sie ganz besonders herzlich grüßen.
Heute war ich auch bei Tante Grete, leider ohne sie zu treffen. Nach Stettin hat
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| mein Vater ein Pferd, hoffentlich keinen Pegasus, geschickt. -
Ja, mein geliebtes Kleines, so einfach, wie sich bei Ihnen die Sache macht - das Ewige im Zeitlichen - so einfach ist es bei mir nicht. Dazu sehe ich den Betrug zu deutlich. Sie begnügen sich mit dem Alpenglühen, ich möchte auf die Berge. Es kocht in mir und gärt: ein bißchen ästhetischer Rausch kann diese Flamme nicht löschen. Hier heißt es: diese Welt oder eine andre. Und diese kann es nicht sein, bei täglichem Alpenglühen.
Gewiß habe ich wieder allerhand vergessen. Aber ich beantworte so ungern Briefe punktweise.
Die Tage waren hier zuletzt recht schön. Mein Vater läßt grüßen. Ich bleibe in Liebe und Treue
Dein Eduard.