Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Oktober 1912 (Charlottenburg)


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z. Z. Charlottenburg, den 21. Oktober 1912
Liebe Freundin!
Die Ereignisse jagen sich nur so, und es ist beim besten Willen nicht möglich, mit ihnen in ausführlichen Berichten Schritt zu halten. Ich komme daher auf die stimmungsvollen, aber auch anstrengenden Kochberger Tage nicht mehr zurück, sondern erzähle nur, daß ich inzwischen im Einverständnis mit dem Frhrn. v. Stein den Nachlaß dem preuß. Kultusminister angeboten habe.
Der Kongreß, über den Sie in der Sonntagsnummer der Vossischen Zeitung einen für mich sehr schmeichelhaften Bericht - übrigens von meinem ältesten Freunde Willmann - lesen können, hat mir viel Zeit gekostet. Und da ich mit der Organisation der Gesellschaft nicht einverstanden bin, besonders an den
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| schwebenden persönlichen Mißhelligkeiten nicht beteiligt werden möchte, so war ich weniger mit dem Herzen dabei, als mit dem Intellekt. Der Eröffnungstag war sehr schwach besucht: man hatte die Studenten vergessen; für mich war es eine 2. Antrittsvorlesung: der Decernent Schmaltz, aus Dresden, Wundt und fast alle philosoph. Kollegen, ein großer Teil der philosph. Fakultät u. persönl. Verehrer waren da. Die Rede gelang mir relativ gut, der objektive Erfolg war sehr groß. Wundt soll zu Brahn nachher gesagt haben: "er ist doch ein feiner Kopf." Tags darauf sagte er mir, er hätte noch ein paar Anmerkungen zu machen: das, was für mich Geschichte sei, habe er ja z. T. miterlebt. Auch der Decernent äußerte sich trotz der politischen Drohung m. Vortrages sehr zufrieden. Es ist nicht Einbildung, wenn ich hinzufüge, daß alles weitere am 1. Tag schmählich abfiel. Besser wurde es am 2. bei den Mathematikern u. Physikern,
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| reizend war auch, wie Wundt durch sein Institut führte. Nach etwa 10 gehörten Vorträgen habe ich mir dann den 3. Tag geschenkt u. bin Sonntag früh hierhergefahren. Gestern Abend war ich bei Riehls in Babelsberg. Große Freude, manches heitere u. wichtige Gespräch. Ich habe Einzelheiten über den mich betreffenden Bericht an den Minister erfahren. Riehl ärgerte sich, daß man ihn nicht eindringlich genug (wie er vorgeschlagen) gestaltet habe. Einer (vermutlich St.) soll auch gesagt haben, wie alt man sein müsse, um Ordinarius zu werden. Darauf Riehl - "So, und wenn ich Ihnen nun sage, daß er es bereits ist; seit gestern habe ich die Bestätigung." Elster, der preuß. Decernent, soll bereits geäußert haben: "Wenn wir ihn doch hier gehalten hätten." Im ganzen sind die Akten immer noch nicht geschlossen. Frischeisen Köhler, der beim Kongreß war (ebenso wie Rudolf
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| Lehmann
, der die Kühnheit gehabt hat, jetzt Frau Prof. Paulsen wegen Chikane zu verklagen.) ist noch nicht ernannt. Wenn es kommen soll, dann mußte es kommen, ehe ich mich noch tiefer in L. eingelebt habe, wo ich ja in der Tat die beste Basis habe, nur keine Seen und zu viel zu tun.
Aber genug davon. Es ist enorm, was ich jetzt schon zu Korrespondieren hatte. Mit den Vorlesungen bin ich sehr weit zurück, nur mit den Examina habe ich vorgearbeitet. Heute Nachm. sehe ich noch Ludwig mit Braut (NB: Prof. Hintze, das alte Haus, hat sich verlobt), morgen u. übermorgen je 1 Habilitationsvorlesung, Übungen 1. Fakultätssitzung, dann 3 Tage Sprechstunden, und am Montag Nachm. beginne ich zu lesen. Anfang November kommt ein naturwissensch. Kongreß, bei dem ich reden soll. Ich
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| hatte vergeblich versucht, die Sache auf Gaudig abzuwälzen. Kerschensteiner hatte mich an erster Stelle empfohlen. Außerdem war mir der Unterhändler sympathisch, u. das wirkt immer versuchend.
Ob der Universitätsvortrag gedruckt wird, ist noch nicht ganz sicher, aber doch wahrscheinlich.
Ich erzähle so viel von mir und unter der Voraussetzung, daß Sie ebenso getreulich von Sich berichten. Aber ich habe über 1 Woche nichts gehört! Man wird diesen Winter mit Erkältungen vorsichtig sein müssen, die Influenzen fangen schon an.
Haben Sie den Münchnachruf erhalten. Sein ältester Freund, Gehrat Imelmann hat mir darüber sehr ergriffen und lobend geschrieben. Heft I der Sammlung erscheint nun auch; aber ich habe leider
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| keine Freiexemplare, und die Sache wird Sie kaum interessieren. Wollen Sie mir im Austausch dagegen ein paar (nicht süße) Äpfel schicken, so wird sich die Sache nach unsrer alten Art zu rechnen haben, ohne daß Sie sich bedrückt zu fühlen brauchen.
Von Hermann erhielt ich vorgestern einen Brief, in dem er viel von dem Kleinen erzählt. Auch v. einer Gesch. d. Päd., was mir nicht ganz klar ist. Von m. Ordinariat scheint er nicht gehört zu haben.
Ich habe mir einen [über der Zeile] kl. Aktenschrank sehr teuer für 54 M gekauft. Darauf steht jetzt der Kompaß, und ich verfolge cf die - Südnadel mit vielen lieben Gedanken nach Heidelberg. Denn wenn ich jetzt, in voller Erkenntnis meiner Grenzen u. Schwächen, sehe, wie ich mitten
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| hineingestellt bin in den großen Strom des geistigen Lebens der Gegenwart, dann denke ich immer, daß auch ich wie Goethe ein stilles Kochberg gehabt habe, nur daß es mit H anfing.
Es ist leider so, daß dies für längere Zeit der letzte große Brief sein wird. Von jetzt an folgen nur Depeschenkarten. Denn nach wie vor kommt es darauf an, daß der in den Sattel Gehobene auch zu reiten versteht, und da muß ich mit den Kräften sehr sorgsam haushalten.
Meinen Vater traf ich wohl. Er läßt herzlich grüßen. Grüßen Sie Frl. Knaps und die Großmama, die es hoffentlich verzeihen werden, daß ich direkt noch nichts von mir hören ließ.
In treuer Liebe
Dein Bruder.