Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, Oktober 1912


<Datierung: zwischen 02.10. und 21.10.1912>

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Liebe Schwester! Zu einem Brief ist heut weder Papier noch Zeit vorhanden. Daher will ich Ihnen nur einen Willkommengruß nach Heidelberg senden und anfragen, wie es Ihnen auf der Reise in dieser Winterzeit ergangen ist; ob auch der Tante das nicht geschadet hat? Ob Sie sehr müde angekommen sind und wie Sie sich nun im Port fühlen?
Daß ich nicht in Kochberg bin, sehen Sie aus dem Stempel. Ich war am Sonnabend mit Ludwig, der sich kurz zuvor verlobt u. infolgedessen bis zum Pünktlichsein u. Stiefelputzen verändert hatte, im Briesethal, natürlich bei Regen. Montag früh fuhr ich ab und fand, nachdem ich beim Dekan das eigenhändig unterschriebene Dekret abgeholt hatte,
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| auf meinem Schreibtisch ein nach meinen Begriffen ungewöhnlich kostbares Geschenk: eine 22 cm hohe Bronzefigur als Petschaft, die ich Müller nenne, weil der Mensch anscheinend Zimmergegenansicht treibt. Stifterin ist Frau Persner, die ich leider nicht mal erkennen würde, wenn ich sie auf der Straße träfe.
Dann habe ich mit dem Famulus allerhand geregelt, am selben Tisch im Theaterrestaurant Mittag gegessen, wie wir s. Z.; die Universitätskasse war reinigungshalber geschlossen: ein Strich durchs Programm. Aus Berlin kommt man immer mit leeren Taschen. Nachher suchte mich Friedmann im Seminar auf, der für die 2. Verheiratung mit s. Frau eine Wohnung einrichtet, und als ich um 6 nach Hause kam, fand ich
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| Telegramm aus Hamburg: "Wegen Krankheitsfalls bitte Kommen verschieben. Stein." Ein großer Aufwand schmählich ist vertan, d. h. ein Koffer wie Ihrer für 22 M (!) angeschafft, und nun nichts! Sofort fand ich mich in mein Schicksal und beschloß die Bibliotheksordnung mit dem Famulus zu beginnen: 3 Tage von 9–1 und von 3–8. Ich schreibe in der Mittagspause u. muß gleich wieder hin. Der Famulus ist ein strenger Arbeiter. Wenn nach Schluß der 3 Tage keine Nachricht aus Kochberg, besuche ich m. Onkel in Sulza und gehe dann nach Ch. zurück, wo ich aus m. tiefgehenden religionsphilos. Meditationen herausgerissen bin. Nachrichten erreichen mich hier nur, wenn draufsteht: Nicht nachsenden.
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Damit also Schluß, mein Liebling! Bleibe mir gesund und denke mein, wie ich auch im Leipziger Nebel. Grüße an die Damen Knaps. Und sollten Sie mir Ihre Reisetasche borgen können, wäre ich Ihnen sehr dankbar: Meine hat noch ein Fünfmarkschein ausgebrütet. Das ist aber so die echt weibliche Art. Das mag sich nehmen, auf wem es sitzen bleibt, und der soll sich eklig was daraus machen.
Dein
Kgl. Sächsischer Professor.