Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. November 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 3. November 1912.
Liebe Schwester!
Als ich vorhin auf meinem feudalen Sessel saß u. mein Blick auf dem Bild von der Elbe bei Dresden ruhte, mußte ich denken, wie wunderbar, daß wir damals gerade auf Dresden kamen, daß sich Ihnen diese Perspektive so eingeprägt hat. Es ist wie sinnvoller Zusammenhang, wenn man zurückblickt, und immer so dunkel, wenn man vorwärts blickt. Morgen werde ich wieder in Dresden sein, zur Dankaudienz beim Minister, aber nur sehr kurz, weil ich von 4 - 5 zum Kolleg wieder hier sein muß.
Sie wollen v. den Vorlesungen etwas hören. Nun, Gottlob, sie sind im Gange, und besser als ich dachte. Mit der Relphil. fing ich an. ca 120 - 150 Hörer, auch Damen der Gesellschaft, ältere Herren etc. Es war in mir sehr viel Schwung und kaum aus der Tiefe.
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| Die Päd. habe ich mit über 300, also mehr als im Sommer, angefangen. Wenn auch noch einige abfallen, so läuft doch die Sache bis jetzt ganz gut. In den Übungen sind leider auch 100, und sehr heterogenes Volk, auch gräßliche Weiber.
Sie sehen, ich habe fast so viel zu tun wie Sie. Aber es geht mir ganz wie Ihnen: Ich bin dabei fast ganz gemütsfrei, immer gleichmäßig, dabei z. Z. mit den Nerven noch sehr gut disponiert (bei vorsichtiger Pflege.) habe schon 16 Examensarbeiten erledigt u. 1 Dissertation; außerdem am Dienstag vor 400 Studenten u. -innen über "Meth. d. ak. Stud." sehr praktisch u. scherzhaft gesprochen. Die Leipziger Zeitungen sind voll von meinem Namen, nur die Fachkollegen sind etwas kühler u. etwas schnupfig.
Die ak. Feier war wieder ein Trara mit Pauken u. Trompeten. Beim Essen habe ich mich leider in die Gänseleberpa
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|stete zu sehr vertieft, u. d. Kollege wird "hat v. groß Freid' ghabt", mich mit einen Schnaps zu kurieren. Soll ich Ihnen vielleicht die Geschichte von der Braunschweiger Dame erzählen, die .............
Vor dem Schlafengehen sollten Sie nicht doppelt lesen. Lieber nachmittags. Denn entweder ist die Sache langweilig, dann lohnt es nicht, oder sie regt auf, dann schläft man nicht. Mit Bezug auf Weihnachten habe ich nur den einen entschiedenen Wunsch, daß Sie keine Mühe, am wenigsten eine Anstrengung für Ihre Augen provocieren. Vorläufig habe ich noch an den Äpfeln und der Encyklopädie genug. Vielleicht fällt mir später etwas ein, dann - wissen Sie ja, bin ich zu Diensten gern bereit. Das grüne Zeug ist übrigens ganz komisch. Es ist wirklich nicht faul.
Das Referat v. Kollegen Witkowski ist ein Abdruck dessen, was in der Lpzg Zeitung stand: folglich stammt die Formulierung von
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| mir. Haben Sie den Braten gerochen?
Aus München erhielt ich eine Karte. Vielleicht ist es nach der Erholungszeit doch wieder einmal besser. Ich verstehe so gut, daß Sie, über sich selbst erstaunt, unter Ihrer Reaktion noch mehr leiden als unter der Sache. Ich glaube aber, zu solchen kleinen Opfern ist man nicht verpflichtet, und im Großen ist man doch da.
Grüßen Sie in Frankfurt von mir u. W. (d. h. Weise) Ich wünsche einen schönen Tag dort!
Beim Bioson bin ich noch nicht. Es kommt Ende November heran. Vorläufig fresse ich mich bei den Kollegen dick. Gleich nachher gehe ich zu Friedmann in s. neue, leider sehr ferne Wohnung. In den nächsten Tagen drängt viel. Dienstag nach dem Kolleg 4 Kandidaten = 4 Probelektionen u. 4 mündliche.
Übrigens habe ich im Oktober ein unerhörtes Geld ausgegeben. Das hängt z. T. mit den notwendigen Anschaffungen zur bessern Repräsentation zusammen, aber auch damit, daß ich mich etwas mehr pflege.
Tun Sie das auch, dann werden Sie die Zufriedenheit ererben Ihres Eduard.
[li. Rand] Mein Onkel war etwas krank.
[re. Rand] Eucken schickt jeden Augenblick Empfehlungen. Er hat ein Buch gelegt. Quak.
[Kopf] Ein Student brachte mir Grüße v. A. Weinel.
[S.1,re. Rand] Daß Prinzessin Ursula Mist ist, hätten Sie mir auch sagen können. Eben "Frühlings Erwachen" gelesen. Pfui!