Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. November 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 15. November 1912.
Liebe Freundin!
Sie warten gewiß längst auf eine Nachricht. Auch ich habe lange das Bedürfnis zu schreiben, aber es war immer allerhand zu erledigen. Dabei geht es mir ganz bene. Hoffentlich haben Sie sich nicht beunruhigt.
Wie gern würde ich Ihnen in der Situation helfen, die Sie schildern! Ich kenne diese Eigenschaften, die man als ein Gut empfindet, aber sich nicht geben kann. Liebe erzwingen zu wollen oder zu müssen - nichts ist schwerer. Das Schlimme ist eben dies, daß doch die Neigung etwas ganz Naturhaftes ist, ich möchte sagen: ein Instinkt. Sie kann auch eine ganz höhere Stufe annehmen, aber dann ist die Bedingung, daß man zusammen diese Stufe erstiegen habe. Und das ist nicht der Fall. Sie wissen, woher ich das kenne, wissen aber
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| auch, daß man sich gegenseitig zu dieser Stufe emporbilden kann. Der Wille dazu ist in Ihnen vorhanden. Man kann Ihnen garnichts vorwerfen: Sie können nicht anders sein, als Sie sind. Alles kommt darauf an, daß auch der andre werde, was Sie von einem gemeinsamen Dasein fordern müssen. Und je tiefer nun die naturhafte Anziehung war, um so schmerzlicher, sich von ihr loszulösen. Sie müssen nichts unversucht lassen, um Ihre Freundin in diese Welt mit hineinzuziehen. Da es sich hier um eine reflektierte Stufe handelt, so gibt es eben nichts, als die restloste Aussprache. Sie müssen fest sein in sich. Wie Sie sind, so sind Sie nicht zufällig. Erklären Sie ihr das mit allen Mitteln der Selbstanalyse, die Sie besitzen. Ich fühle mich an dem Zustand nicht unschuldig. Sie wissen, daß ich Sie oft nicht gern in diese teilweise Unfreiheit verflochten sah. Das ist der Sinn dieser Krisis, ob A. K. noch eine Stufe über sich hat. Wie oft haben wir beide in glücklicher Gemeinschaft erfahren, daß wir
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| immer noch eine neue Epoche mit einander beginnen konnten. Es war doch immer wieder ein neues, tiefes Sichfinden. Sagen Sie ihr das: Sagen Sie ihr klar, daß Sie unabhängig geworden sind, vielleicht spät, daß Sie aber noch immer bereit und reich sind, ihr etwas zu sein; daß dies auch umgekehrt sein kann, wenn sie das Verhältnis in diesem neuen Sinn zu fassen vermag. Der alte sei tot und könne nicht wieder lebendig werden. Sie wollten nichts als sich selbst, um sich zurückgeben zu können. Lassen Sie diese Aussprache gehen bis auf das Blut. Es gibt Entscheidungen, wo eine Freundschaft stirbt, wenn das nicht geschieht. Zeigen Sie ihr diese Gefahr. Sagen sie auch, Sie hätten das Vertrauen und fühlten, daß diese große Neigung noch weiter trage. Und nichts von mir. Zwischen zwei Menschen soll kein dritter sein. Haben wir das nicht selbst empfunden? So muß es gehen, und es geht bald oder niemals!!
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Ich bin in gleichmäßiger Arbeit; bisher ohne Gedränge. Denken Sie, die nicht gehoffte Steigerung des Erfolgs ist doch noch eingetreten: In der Pädagogik habe ich jetzt 370, die belegt haben, und in dem ca 350 Plätze fassenden Aud. ist kaum einer frei. Morgens um 8!! Ich erschrecke fast über dies Vertrauen zu einem Werdenden. Die Religionsphilosophie ist viel, viel schwächer besucht; aber hoffentlich eine Auslese. Mancher interessante Mensch darunter. Davon dann mündlich.
Die Tagung der naturw. Gesellschaft ist glatt verlaufen. Außer einem opulenten Diner nichts zu erwähnen. Aber der Leiter, Dr. Thesing, u. s. Frau, eine Ärztin, Dr. Rose Thesing scheinen mir ein bleibender Gewinn. Am Montag steigt der Näherinnenvortrag: das Kind in der modernen Literatur.
Frau Persner gewinnt bei näherer Bekanntschaft. Sie ist durchaus ernst und edel; ich hatte eine schöne Teestunde dort. Die Religionsphilos. hört sie regelmäßig; ebenso wie Frl. Ehrenberg. Ausarbeiten kann ich das Kolleg nicht. Aber ich staune oft, wie tief und sicher ich das erste Mal schon alles formulieren konnte.
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Der Vortrag in der "Hochschulpädagogik" erscheint jetzt nobel im Druck. 200 M, Angebot noch höher. Er hat mir viel Mühe gemacht, weil ich wieder, wie stets, ins Prinzipielle geriet. Jetzt steht es da - Gott helfe mir, ich kann nicht anders, wenn ich auch möchte.
Die Fakultätssitzungen sind immer, wenn ich Übungen habe. Die paar Proben aber, die ich hörte - mein Gott, wie klein ist der Universitätsprofessor.
Lasson hat hier einen Vortrag gehalten (81 Jahre!) ich konnte nicht hingehen; ich schickte ihm Blumen. Darauf heute ein rührender herzlicher Brief mit seiner Aristotelesübersetzung. Ein katholischer Student, jetzt regens des Bamberger Priesterseminars, schrieb mir einen 15 S. langen Brief voll Grundsätzlichem. Sie werden ihn lesen. Röthe hat mir ebenfalls geschrieben. Daß Hintze sich verlobt hat (!!) vergaß ich wohl.
Bei Wundt war ich neulich, und berauscht,
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| beglückt von dieser Wärme, Frische und Jugendlichkeit kam ich nach Hause. Ein solches Leben!!
Der Minister war feierlich, aber warm. Die Räte alle sehr persönlich und nett.
Bei Volkelt werde ich nicht heimisch trotz aller Freundlichkeit. Er kommt mir immer spießig vor. Und er ist älter als Wundt.
Morgen ist Professorium. Ich gehe hin, damit man nicht sagt, ich äße nur gratis. -
Wenn mir eine Dame das Honorar schickte, wäre ich außerordentlich indigniert. Es ginge da bloß ein wertvolles Geschenk oder nichts. Künftig lassen Sie mich die Sache vermitteln, dann liegt weiter nichts als eine kollegiale Liebenswürdigkeit vor. Oder Sie müssen Oncken was malen, etwa den "Zahn der Zeit", da er Historiker ist?
Zu Hause scheint es gut zu gehen. Mein Onkel war krank. Am nächsten Sonnabend
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| wollte ich nach Berlin fahren, nachdem ich Hauptmanns Ansprache in der Aula gehört habe. Dann Riehls, und Sonntag - Totenfest - zu Hause.
Äpfel bitte ich jetzt nicht zu schicken, da ich sie in solchen Massen nicht verspeisen kann u. sie bei mir nicht günstig lagern.
Einige Dokumente schicke ich Ihnen demnächst. Ich hätte noch viel zu sagen, aber es muß heut genügen, da ich morgen Kolleg habe u. gestern erst um ½ 2 ins Bett kam.
Mit solchen Nöten wie Sie habe ich nicht zu tun. Außer Friedmann ist mein einziger Freund hier der Famulus, ein brauchbarer prächtiger Mensch.
Nun, mein Geliebtes, wünsche ich Ihnen Ruhe der Seele, wie ich hier habe, und alles Schöne und Herzliche und Liebe
Dein Eduard.
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| "Frühlings Erwachen" ist von Wedekind, ich würde sagen leider, wenn der Name nicht schon leider sagte.