Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. November 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 30. November 1912.
Liebe Freundin!
Der Sonnabend ist unter Lesen, Prüfen, Sitzungen und Besuchen wieder mal mit heiler Haut erreicht. Ich möchte Ihnen ein paar Zeilen zum Sonntag senden, was zwar an sich nicht so große Eile hätte, wenn mir nicht eingefallen wäre, daß ich ja meinen Weihnachtswunsch noch nicht geäußert habe, und in 3 Wochen ist Weihnachten.
Dieser Wunsch ist nun diesmal besonders groß. Wir haben ein Zusammensein in Cassel verabredet. Hoffen wir, daß nichts dazwischentritt; aber auch dann wären die Tage sehr kurz für mein Bedürfnis. Deshalb möchte ich zu Weihnachten haben, daß Sie, falls Ihr Befinden es nicht etwa verbieten sollte, ein paar Tage hierherkommen. Die Sachlage ist nämlich die:
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| Ich habe in den Weihnachtsferien 30 Staatsexamensarbeiten zu lesen u. die ganze Vorbereitung für den Volkshochschulkursus zu vollenden. Von eigentlicher Ruhe ist daher nicht die Rede, noch weniger von einem Aufenthalt in Cassel über 2 Tage. Das ist nun so gut wie nichts. Am 8. Januar spätestens habe ich die Vorlesungen wieder aufzunehmen u. dann allerdings in den ersten Tagen sehr stark zu tun. Aber sie sähen mich dann einmal in Betrieb, kämen in die Kollegs, und wenn ich besetzt bin, haben Sie Klinger und die Propheten. Ich dachte etwa, daß Sie bis Sonntag den 12. Januar bleiben könnten. Natürlich dürfen Sie nicht bei Döllkens wohnen, sondern ich suche eine passende Pension, resp. ein Hospiz (!) und Sie sind in der bescheidenen Form mein Gast, wie wir es gewöhnt sind. Überlegen Sie also und sagen sie Ja.
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Wenn es pflichtmäßig irgend zu machen geht, hole ich Sie von Cassel ab, was dann so etwa am 5.I. sein könnte.
Es geht mir bisher, infolge einer ausgebildeten Schlaftechnik u. geschickter Regulierung des Nervensystems, übrigens gottlob vorhandener Seelenruhe und Freude am Tun, ganz gut. Doch merke ich natürlich zunehmend Ermüdung und sehe in dem noch zu Leistenden recht große Berge. Aber es wird gehen, wenn keine Unruhe eintritt, wie sie etwa die Reisen mit dem Aufbleiben bis 1 Uhr bringen.
Was ich sonst treibe, ersehen Sie aus den beiliegenden, teils interessanten, teils schönen Briefen. Der katholische fehlt, weil ich hoffe, ihn morgen endlich beantworten zu können. Allerdings habe ich 3 große Mss heute u. morgen zu lesen.
Wir haben noch garnicht vom Krieg gesprochen, eigentlich bezeichnend für unser fried
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|liches Wesen, u. hoffentlich ist nun auch in Heidelberg kein Krieg mehr. Friedmann, mein einziger Trost hier, kann jeden Tag eingezogen werden. Ich bin übrigens nicht gegen den Krieg, da man sich unmöglich immer auf die Füße treten lassen kann und Geld für eine Armee ausgeben. Aber die Rückwirkung auf die Universität wäre die zuerst fühlbare. Ich würde dann wohl statt meiner 370 Hörer 37 haben, und entsprechende Einnahmen. Auch aus diesem Grund suche ich fortdauernd zu sparen. Nur muß ich leider so viel Notwendiges an Büchern, Kleidern, Einrichtungen anschaffen, daß mein Budget immer größer wird. Dabei werden Sie sehen, daß bei mir alles sehr primitiv ist.
Es ist Zeit, daß dieser Brief auf die Post kommt, u. die Arbeit drängt. Nur eins möchte ich noch sagen, daß ich nämlich meinen ganzen Reichtum heut vor 8 Tagen, als ich mit den beiden Scholz sprach, noch deutlicher als täglich erfahren und empfunden habe. AEI.
Herzlichst dein Bruder
Eduard.