Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Dezember 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 8. Dezember 1912.
Liebe Schwester!
Ihre Schreibpausen sind mindestens so gründlich wie meine. Täglich wollte ich schon fragen; ich bin nun froh, daß ich auf den Sonntag nicht vergeblich gehofft habe, und danke Ihnen herzlich.
Kommen wir sogleich auf die Sache. Vor allem weiß ich, daß Ihnen mit meiner Bitte eine Anstrengung zugemutet wird, Sie werden aber gleich sehen, daß Sie hier mehr Schonung und Erholung finden als in Berlin. Ihre Berechnungen gehen, um mich parlamentarisch auszudrücken, von falschen Voraussetzungen aus: in Wahrheit liegen bis jetzt die Dinge so:
Bis zum 21. wird hier gelesen, resp. dauern die Amtspflichten. Dann kann ich
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| aber noch nicht abreisen, denn die 25 Staatsarbeiten, die für Januar u. Februar noch zu erledigen sind, kann ich zum großen Teil nur in der Nähe meiner Bücher erledigen. Im günstigsten Falle kann ich also am 23.XII. abreisen.
Das erste Examen ist hier, falls Kand. nicht zurücktritt, am 7.I. Ich muß also am 6.I Abends zu Hause sein. Dazu kommt nun, ganz wie bei Ihnen, daß ich doch den Aufenthalt zu Hause nicht so sehr einschränken darf. Wie Sie, so erhalte auch ich fortdauernd Zeichen der Vereinsamung; man denkt dann doch auch menschlicher Weise: wer weiß, wie oft diese Begegnung noch stattfinden kann. Deshalb wollte ich nun am 4.I. ca nach Cassel kommen und Sie am 6.I (Sächs. Festtag) mit nach Leipzig nehmen.
Ich bin dabei, wie Sie ja merken, wiederum sehr egoistisch: ich möchte, daß Sie die Sache einmal in Betrieb sehen, was zu
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| Ostern nicht der Fall sein könnte. Sie sollen mir dabei raten und manches ordnen, wie man seinen lieben Besuch eben nützlich beschäftigt und ausnützt. Im ganzen werde ich viel in Anspruch genommen sein:
[über der Zeile] Dienstag 7.I. Donnerstag - wahrscheinlich nur Examen.
Freitag Donnerstag
Dienstag 7.I. – wahrscheinlich nur Examen.
Mittwoch 8.I. früh 8 - 9 Vorlesung in Ihrer Anwesenheit, dann Examen.
Donnerstag 9.I. 4–5 Kolleg mit Ihnen
8–9 Volkshochschulkursus
Freitag früh: [über der Zeile] 10.I. Examen u. Sprechstunde.
Nachm:             frei. Abends: Übungen ohne Gast.
Sonnabend [über der Zeile] 11.I.     8–9 Kolleg. Später teilweise frei.
Sonntag 12 I.       frei.
Sie würden also bisweilen sich allein beschäftigen müssen, und dazu haben Sie das Museum u. mein Museum, Grassistr. 14. Sie können ½ Tag nach Halle fahren, obwohl ich an Ihrer Stelle die ganze Reise inoffiziell machen und nur die Tante davon verständigen
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| würde.
Ich schlage nun vor, daß wir keinen definitiven Beschluß fassen, sondern Befinden, Stimmung und Arbeitsverteilung erst einmal abwarten wollen. Mindestens komme ich auf 2 Tage nach Cassel, was aber so viel wie nichts ist.
Ostern habe ich, wenn keine Zwischenfälle eintreten, andre Ideen: ich will dann ja nach Geld und Befinden entweder 1 Woche auf die Reichenau oder an einen italienischen See. Denn ich brauche da etwas mehr Erholung, wenn ich den Semesterforderungen gewachsen bleiben soll.
Ganz im Vertrauen u. als bloßes Gerüst will ich Ihnen sagen, daß man mich in München für ein Ordinariat von einzelnen Seiten ins Auge gefaßt hat, daß aber daraus wohl schon v. d. Münchner Seite aus nichts wird. In den letzten Tagen bin ich (gezwungen) sehr unsolide gewesen: Freitag bei Seeliger mit lauter Jungvieh u. Pfänderspielen [über der Zeile] bis 1 Uhr. Gestern bei den studier. Pädagogen bis ½ 2. Erst wiss. Sitzung, dann, besonders durch meine Anregung, um 12 Uhr Einrichtung einer Universitätsübungsschule mit Probelektion. Wir haben uns krank gelacht. Heute Mittag bei Biermanns, abends bei Ehrenbergs. Dann noch 14 Tage Dienst. <li. Rand> Famulus hat Examen mit I. gemacht; hüpfte s vor Seligkeit. <re. Rand> Nehme Bioson, die Erinnerung an Sie ist erfreulich, sonst ist es eine Strafe (v. Schwindel.) <Kopf> Für heute muß ich abbrechen, obwohl ich von Ihnen gern noch manches erfragte, z. B. ob Sie sich nicht zu sehr anstrengen. Herzlichste Grüße.
[li. Rand S. 1] Mit dem Regenschirm versuche ich vorläufig noch zu warten.
[re. Rand] In den nächsten Tagen schicke ich für unsern gemeinsamen Fonds 500 M per Postanweisung mit dem üblichen Vermerk auf dem Abschnitt.