Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Dezember 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 13. Dezember 1912.
Liebe Freundin!
Wir sind mit unserm Weihnachtsplänen auf einem recht toten Punkt. Denn so wie Sie die Sache planen, verspricht sie ungefähr die härteste <ein Wort unleserlich> zu werden, die ich mir vorstellen kann. Ich habe nicht einmal Döllkens soweit "kultiviert", daß von denen eine Hilfe zu erwarten wäre; vielmehr hängen Sie - daher meine Zurückhaltung - unmittelbar mit Brahn zusammen. Bei Rabls ist eines der Centra der hiesigen jugendlichen Kaffeeklätsche, und bei Trendelenburgs werden Sie kaum mehr Wärme u. Interesse finden als ich.
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Wenn es nur in dieser Form paßt, so bin ich der erste, der es für unmöglich hält. Ich habe da wohl wieder einmal falsche ethische Vorstellungen gehabt. Mir schien nämlich, daß Menschen wie wir alt und innerlich reif genug sind, um für 2 Tage einmal einen selbständigen Weg zu gehen, der weder von den Heidelberger noch von den Casseler Tanten vorgezeichnet ist. Das Ganze kann als ein Abstecher von Halle gelten, wo man vielleicht etwas Häller denkt, und wir begnügen uns mit 2 Tagen in Leipzig, während wir den 3. in Kösen oder Weimar verleben.
Alte Tanten finden Sie auch in meinem Hause, denen ich Sie sorgsam vorstellen werde. Ich hatte gedacht, daß wir dann noch bei "sicheren Leuten" der
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| Universität einen formellen Besuch machen, falls es nötig scheint. Im übrigen aber ist Leipzig nicht kleiner als Ilmenau oder Freudenstadt, und das Gewissen sitzt nicht in den Tanten, sondern in uns.
Natürlich will ich mit alledem nicht zureden; denn es muß ein sehr ungemütlicher Zustand werden, wenn wir uns hier gewissermaßen lichtscheu herumdrücken sollen. Dazu kommt Ihre große Müdigkeit, die natürlich durch eine solche Spritztour nicht besser werden könnte. Ich sehe also schon, daß es bei den kümmerlichen 2 Tagen in Cassel bleiben muß, es sei denn, daß wir uns Sonnabend und Sonntag noch einmal in Weimar treffen können. Aber ich will nun Ihren Entschluß garnicht vorgreifen, sondern verhalte mich trotz lebhafter Sehnsucht passiv, um nicht mir
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| Vorwürfe machen zu müssen, sei es wegen Ihrer Gesundheit, sei es wegen der Tanten.
Tante heißt übrigens auf deutsch: "die so Große". Daher sagt schon Vergil mit Recht: Tantae molis erat, Romanam condere gentem - so viele Mühe machte es, Rom zu gründen, frei: die Tanten sind wie für das Große. Dies aber nur als philosophischer Exkurs.
Sonst gibt es hier nichts Neues als Kriegsbefürchtungen und Arbeit. Aber ich bin selten am Ferienbeginn noch so frisch gewesen wie diesmal. Es tut mir unendlich leid, daß das bei Ihnen so anders ist, und ich gäbe viel darum, wenn ich ein Mittel wüßte, es zu ändern.
Mit innigen Grüßen
Dein
Eduard.

Die Rede hat garkeine äußere Beziehung auf Wolfach, sondern nur die innere, daß W. der Höhepunkt dieses Sommers war, u. daß ich bei allem, was mir <li. Rand> gelingt, an diese Gemeinsamkeit denke.
<re. Rand> Herrn Assessor Kurt meinen herzlichen Glückwunsch