Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Dezember 1912 (Leipzig)


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Leipzig, den 20. Dezember 1912.
Liebe Freundin!
Das ist hier nicht mein Weihnachtsbrief, sondern nur ein Gruß, den ich dem Packet beilege. Sie legen immer so viel Schönes in Ihre Sendungen, daß ich sehr die Ärmlichkeit meines unscheinbaren Geschenkes empfinde. Sie müssen deshalb sehr viel - nicht hineinfühlen, sondern herausfühlen - was sonst noch drinliegt und sich nicht so sagen läßt. Selbst eine Widmung schreibe ich nicht in den Klinger, erstens wegen des Buchhändlers, den sie nichts angeht, und zweitens wegen ev. Umtauschs, falls das Buch von Ihren Kenneraugen keine Gnade findet. Sollte es aber doch sein, so freue ich mich, es mit Ihnen in Cassel anzusehen und werde dann etwas hineinschreiben.
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Das kleine Buch von Ganghofer, das gesund und herzlich ist, bauen Sie vielleicht der lieben Tante mit auf. Es soll ihr sagen, daß ich ihrer herzlich und stets dankbar gedenke.
Sonst bin ich von einem Druck befreit, nachdem ich eben, Freitag 9 Uhr früh, die Kollegs geschlossen habe. Dienstag Mittw. Donn. Freit. 8 - 9 außer den Abendstunden war doch ein bißchen viel, und am Mittwoch war ich fast fertig, so daß ich mich nicht aufs Seminar vorbereiten konnte. Der Erfolg war, daß es über alle Begriffe glänzend ging, klarer als je, eine Herrschaft der Diskussionsführung, die mir selten gelingt. Thema war übrigens die konventionelle u. die höhere Moral.
So ist denn dies Arbeitsjahr gut beschlossen und ich freue mich auf die 2 freien Tage, die kommen. Wenn es nur ihnen gut ginge und Sie ein
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| schönes, ungetrübtes Fest hätten. Ich denke mir beim Fest wenig und entbehre es für mich nicht. Vielleicht habe ich in meinem Kreise einigen eine kleine Freude bereiten können.
Die Äpfelkiste habe ich noch nicht aufmachen können. Ich wollte es in Ruhe tun, mit stillen Gedanken. Gestern aber war noch Hochflut, übrigens war ich zwischendurch in der glänzenden Gewandhausgesellschaft - welche Scheinwelt! Sollte also ein Brief in der Kiste gewesen sein, so kann ich ihn erst zum 24.XII. beantworten.
Herzliche Grüße Ihnen, der Tante und Ihren Lieben
Stets Dein
treuer Bruder
Eduard.