Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1912 (Bahn Leipzig/Berlin)


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Zwischen Leipzig und Berlin
23.12.12 4 Uhr.
Liebe Freundin!
Es wird ein etwas zittriger Brief werden. Dafür aber wird er pünktlich ankommen, um Sie am Heiligen Abend zu grüßen. Wir feiern diesen Tag zusammen, wie wir es seit Jahren tun; die Entfernung ist uns nichts: denn wir fühlen uns und leben untrennbar. Das ist das einzige und höchste Festbewußtsein, das ich brauche, wenn auch sonst kein Baum brennt und man flüchtig über die Tage hingeht. Es liegt zu sehr nach innen für den reiferen Menschen. Selbst bei feinen Symbolen möchte er keine Zeugen haben. Aber wie es in mir aussieht, beweist wohl
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| nichts besser, als daß ich mir einen Weihnachtsbaum gekauft habe mit 11 Lichtern, der gestern Abend ganz in der Stille gebrannt hat, und ich dachte an Sie. Dieser Baum war für mich wie ein Siegeszeichen: Gesundung nach langem Kampf. Es ist kein absoluter Friede - wer könnte den Wünschen - aber es ist Freiheit von dem Kampf mit dem ganz Gemeinen, Niedrigen, Alltäglichen, der ohne Nutzen aufreibt. Heut weiß ich, daß meine Kräfte einem Zweck gewidmet sind, der es wert ist. Ohne Sie wäre ich nie auf diesen Gipfel gekommen. Aber es ist für mich kein Endpunkt, vielmehr sehe ich viel, was noch anders werden muß, aber mit der ruhigen Geduld gesteigerter Selbstkenntnis. Fast ungern bin ich diesmal von Leipzig fortgereist, im
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| halben Sonnenschein, garnicht als ob Weihnachten wäre. Ich habe mich so in den Gedanken hineingelebt, Ihnen bald alles zeigen zu können, daß ich an die Schwierigkeiten fast garnicht mehr gedacht habe. Zureden kann ich auch jetzt noch schon deshalb nicht, weil in den ersten Tagen meine dienstlichen Pflichten sehr erheblich sein werden. Jemanden einladen und dann nicht Zeit haben - das ist nicht fein. Ich bekenne also ganz offen die Dubiosität des Ganzen. Nur wird es nicht mangelhafter sein als die Fahrt nach Cassel, wo wir tatsächlich nur einen Sonntag für uns haben würden. Nun, abwarten!
Mein kleines Packet wird wohl schon angekommen sein: es ist wie immer nichts gegen Ihre süßen und schönen Gaben und kann nur durch Association lieber Gedanken ein Weihnachtsgeschenk
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| werden. Wenn Sie u. die Tante den Baum anzünden, bin ich dabei, Sie werden es merken.
Ich habe noch ganz rasend gearbeitet, werde aber trotzdem keine Ferien haben. Am Sonnabend machte ich das Experiment, einige Fachgenossen bei mir zu sehen. Ich werde es nicht wiederholen. 2 Herren kamen um 8 u. gaben mir die Ehre bis ¼ 3!, beständig fachsimpelnd. Sonntag Nachm. habe ich mit Friedmanns dafür einen hübschen Spaziergang gemacht - vielleicht ......
Es tut mir leid, daß die "Universitäten" keine Gnade vor Ihren Augen gefunden haben. Die Gründe höre ich wohl mündlich. Borchardt - war auch indigniert.
Aber eben fahren wir aus Bitterfeld. Es stuckert, u. so sei denn Schluß mit einem innigen Weihnachtsgruß, von dem Sie auch der Tante etwas abgeben werden (von mir "bekommt sie jedenfalls etwas ab"!) <re. Rand> Donnerstag nahm mich Frau Persner mit ins Gewandhaus, Thomanerchor <li. Rand> H wehmütige Schulerinnerungen. In herzlichem Gedenken Eduard
[Kopf] Vielen Dank für Fressalien u. Kalender.