Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Dezember 1912 (Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a.
Den 30. Dezember 1912.
Liebe Schwester!
Wiederum gehen wir in ein neues Jahr hinüber, und mannigfache Gedanken werden lebendig an solcher Grenze der Zeiten, aus der man im übrigen keinen Anlaß zum Prophezeien nehmen soll. Nur in lieben Gedanken und treuen Wünschen soll man sich vereinigen, und auch diese Wünsche gelten nicht dem äußren Glück, das nicht in unsrer Macht steht, sondern der inneren Kraft und der geistigen Überlegenheit über das Dunkel. Möge Ihnen, möge uns das neue Jahr in diesem Sinne licht sein; denn daß es für die äußere Gestaltung der Dinge
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| nicht friedlich sein wird, schon im politischen Sinne, - das läßt sich voraussagen, ohne aus dem Kaffeesatz zu weissagen. Aber es soll uns auf unsern Posten finden.
Die letzten Tage habe ich in einiger Unruhe geschwebt, nicht sowohl um mich, als zunächst um Amt und Arbeit. Ich hatte Blinddarmbefürchtungen, nicht Schmerzen, aber rechtsseitige unmotivierte Empfindungen. Benary hat vor 10 Minuten erklärt, daß nichts zu konstatieren sei. In der Tat war Appetit bisher gut und Verdauung wie sonst, aber die Nervosität warf sich wohl auf diesen Teil. Ich dachte: biegen oder brechen: bei der gestrigen Tagestour mit den Böhminnen sollte sich herausstellen was daran wäre. Bei recht schönem Wetter sind wir 6 Stunden gelaufen, ohne daß ich eine Vermehrung der Empfindungen
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| bemerkte, im Gegenteil, ich vergaß sie ganz und war nach Kräften lustig. Als ich aber Abends in Bett ging, bekam ich am ganzen Körper ein Schütteln, das ich mit keiner Willensanstrengung beseitigen konnte. Fieber schien es mir nicht zu sein, es war nur ein nervöser Ausbruch, und - offen gesagt - Angst vor der Eventualität, die ja mitten im Semester für alle Beteiligten schrecklich wäre. Durch langsames Pulszählen brachte ich mich zur Ruhe, u. schlief dann ausgezeichnet, morgens 36,5. Ich glaube selbst, daß die Empfindungen mehr nervöser oder muskulöser Art sind. Besonders auch um unsres Planes willen ist mir das lieb.
Was Ihren lieben Brief betrifft, so beruht
1) die Verstimmung auf Nervosität Ihrerseits, d. h. Sie lesen in einen Scherz das Gegenteil hinein.
2) Die Hast kommt indirekt auf Ihr Conto.
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| Sie haben nämlich in früheren Jahren immer am selben Tage Antwort gewünscht. Ich habe daher am 25. geschrieben, obwohl ich an diesem Tage weder Stimmung noch Zeit hatte. Und das war dann am Text zu merken. Auch jetzt muß ich noch sehr fleißig sein, wenn ich bis zum 3.I. hier fertig werden soll.
Der lieben Tante bitte ich vielmals für Ihre freundlichen Grüße zu danken und besonders auch dafür, daß Sie mich wieder so gütig aufnehmen will (Sie tragen die Verantwortung, ob es für die Tante jetzt paßt u. sie nicht anstrengt: sonst logiere ich die 2 Nächte auch gern anderwärts, ja?) Zu Neujahr schicke ich ihr nur eine gedruckte Karte, die Sie ihr vielleicht in diesem Sinne interpretieren. Mündlich hole ich's dann nach.
Der Bruder v. M. Mauderer, der an Kehlkopfschwindsucht litt, hat sich die Kehle durchgeschnitten. (Unter uns!)
Ich lasse eine ganze Reihe von Dingen unerwähnt, da ich ja in wenigen Tagen bei Ihnen zu sein hoffe. Und zwar komme ich, wenn es geht, schon um <li. Rand> 2 Uhr 50. Vorher schreibe ich nur, wenn etwas vorliegt. Herzliche Grüße Ihnen beiden <Kopf> und einen schönen, sorglosen Jahresanfang! in treuer Liebe Dein Eduard.
[li. Rand] Am 6.I. um 2 Uhr 44 müssen wir fort!!