Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Januar 1912


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Am 1. Januar 1912.
Lieber, lieber Freund.
Es ist ein zerdrückter Briefbogen, der mir einzig noch übrig ist, aber ich weiß nicht, ob wir morgen noch zu einem längeren Sprechen kommen werden u. ich habe Ihnen doch so viel zu sagen. Wir empfinden es wohl beide, daß das Zusammensein diesmal nicht vom Himmel begünstigt war. Ich hatte nach Ihren Briefen gehofft, Sie in freierer, glücklicherer Stimmung zu treffen, aber die zerfahrenen äußeren Verhältnisse ließen uns keine rechte Ruhe finden. Dies unstete Fortsehnen in Ihnen, das ich jetzt in geordneter Lebenslage überwunden glaubte, quält mich immer so unendlich, weil ich da so garnicht zu helfen weiß. Und vielleicht war ich diesmal bei aller heißen Liebe doch besonders unfähig dazu, weil ich selbst gedrückt u. müde bin. Es soll besser werden, glauben Sie mir, denn ich habe den festen Willen.
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| Am heiligen Abend in der Kirche war all das Dunkle mit solcher Gewalt über mich gekommen, ich hätte mich können tot weinen - das Evangelium der Liebe legte sich allmälig leise beruhigend auf mein Herz, bis ich still u. gefaßt u. freudig wieder zur Tante zurück kommen konnte. Ach, aber warum muß unser Schicksal immer wieder ins Dunkel führen? Und habe ich ein Recht mit meinen Sorgen auch Ihnen das Herz schwer zu machen, da Sie doch selbst ohne Ende im Kampfe stehen? Das ist ein schmerzlicher Konflikt, daß ich mich eigentlich nur so weit eins mit Ihnen fühlen kann, als ich fähig bin zu helfen. Der Gedanke, ich könnte Ihnen zur Last des Lebens auch noch etwas hinzufügen, ist mir ganz unerträglich. Und doch, mein lieber Liebster,
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| ist ja unsre Gemeinsamkeit die Sonne meines Lebens, u. das ernste Schicksal, das wir so viele Jahre schon zusammen tragen, ist wohl ein Band, das unzerreißbar ist. Darum will ich nicht grübeln, ob ich recht tue, sondern lieber einfach bitten: hilf mir, ich will mir gern helfen lassen. Ich will auch tapfer sein u. stark.
Sie haben ganz recht, daß dieses dunkle Vorgefühl drohender Unheils nur eine Vervielfältigung der Lebensqual ist. Aber glauben Sie mir, ich suche das nicht, das ist eben wie eine Naturgewalt, aus geheimnisvollen Tiefen. Wir verstehen uns oft so gut ohne Worte. Warum haben denn Worte bisweilen so garkeine Möglichkeit der Vermittlung?
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| Ich denke so gern an die Fahrt nach Stettin. Wenn Sie von all den Menschen erzählen, ist mirs als sähe ich Sie in Ihrer Wirksamkeit. Wie geleiten Sie meine treuen Wünsche immer immer -
Wünsche helfen nichts? Wenn meine Seele nicht so ganz erfüllt wäre von den Wünschen für Dein Leben, dann hätte ich Dir niemals helfen können. Und so wird auch mir unsre Liebe helfen u. sie soll sich an mir bewähren.
Wollen wir es so mit dem neuen Jahre aufnehmen? In mir klingt das einfache, innige Weihnachtslied - das sind Töne, die auch ich voll verstehen kann. Ich danke Ihnen dafür noch besonders u. ich will solche Harmonie festhalten.
In Liebe u. Treue
Deine
Schwester.