Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. September 1912 (Bahn Cöln/Cassel)


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In der Bahn nach Cassel. 4. Sept. 1912.
Mein lieber Freund.
Ich möchte Sie in Berlin begrüßen, da ich Sie doch auf der Reise nicht mehr erreichen kann. Wie betäubt bin ich in Cöln zum Bahnhof gegangen u. fahre u. fahre nun immer weiter fort von Ihnen in die dunkle Nacht hinaus. - Sie sind inzwischen denselben Weg gefahren, u. mein Gedenken wird Sie allenthalben gegrüßt haben. Die Sonne ging so freundlich unter u. wie lauter Sonnenschein der Seele leuchten die vergangenen Wochen mir im Herzen. Noch kann ich es nicht ganz begreifen, daß ich dem liebsten Freunde heut nicht gute Nacht sagen werde, u. es liegt ein dumpfer Druck über
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| mir. Aber ich gebe dem nicht nach, u. es klingt eben doch über der trüben Differenz ein klarer, reiner Ton, der sie auflöst u. überwindet: eine starke, selige Gewißheit. Es giebt keine Trennung, wo die Seelen sich angehören. Ich weiß, daß kein Raum, keine Zeit, kein Schicksal, kein Wille uns trennen kann, denn unsre Liebe ist ewig.
Nun werden Sie schon in Hagen sein. Ich sah die Gegend noch im Abendlicht, viel Ortschaften, waldige Hügel u. ich weile dort mit Ihnen u. lebe Deiner Erinnerung. Könnte ich still Deine Hand halten, Dir nahe sein in diesen Stunden!
Wenn nur das Wetter gnädig ist, u. wenigstens äußerlich nichts die Gesundheit schädigt. Erregung genug giebt ja was immer vorüberzieht.
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Ich hätte Unendliches zu reden - u. doch bin ich so oft stumm. Es ist, als ob Worte antworten u. doch - nie werden wir uns mitteilen. Von Cassel schreibe ich bald. Und meine Sehnsucht, mein Trost sind die Weihnachtsferien, wo wir uns wiedersehen.
Bis dahin leben wir von der Kraft, die uns aus dem Glück der vergangenen Wochen strömt. Du bist ja meine Sonne, mein Leben. Und Geist u. Kraft mögen Dich erfüllen zu segensvollem Wirken.
In treuer, grenzenloser Liebe
Deine
Schwester.

[] Bitte, grüßen Sie Ihren Vater.