Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6./7. September 1912 (Cassel)


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Cassel. 6. September 1912
Mein geliebter Freund.
Wenn alles dem Plan nach ging, dann sind Sie jetzt in der Bahn nach Berlin. Wie unablässig waren meine Gedanken bei Ihnen, u. wie habe ich jede Regenwolke u. jeden Sonnenstrahl beobachtet. Es war kein sehr günstiges Resultat, was dabei herauskam, u. ich bin in Sorge, ob Sie [über der Zeile] durch diese Tage auch nicht eine garzu große Einbuße an der kaum gewonnenen Erholung erleiden.
Welch arge unnötige Hetzerei in Cöln! Wie hätte es mich aufgeregt, wenn ich gewußt hätte, daß Sie mir noch einmal so nahe waren, ohne daß wir uns doch erreichen konnten. Hätte sich alles um ¼ Stunde früher abgespielt, dann hätten wir doch noch bis Hagen zusammen fahren können.
So saß ich halt bis Elberfeld allein
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| in einem ziemlich vollen Wagen, dort mußte ich umsteigen, wieder in drangvoller Enge, dann mehrere Stationen ganz allein im Frauencoupee u. dann bis Cassel mit einer schweigsamen Frau. So saß ich still in Gedanken, die schönen, lieben Rosen in der Hand, erfüllt von glücklicher Erinnerung. Wie einzig schön waren doch auch diese Tage auf dem Rhein, welch eine Fülle von Glück in diesen Wochen gemeinsamen Lebens. Denn Du hattest doch recht, mein einziger Freund - was wäre mir das alles ohne Dich! Ich wollte es umgekehrt nicht gelten lassen, denn was tat ich dazu? - Und so ist es auch wieder nur das Leben selbst, das Leben in uns, das in voller, freier Harmonie zusammenklingt, u. für das alle Schönheit der Welt nur Hintergrund ist. Ist nicht auch der Dom in seiner wundervollen, erhabenen Harmonie nur wie ein Widerhall?
Hier empfing mich Kurt am Bahnhof, wir saßen noch bis nach 1 Uhr
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| bei Tantchen zusammen u. ich mußte viel erzählen. Er war auch nicht zur Taufe, hat eben die erste Arbeit fertig u. wartet auf die zweite. Mitte Oktober wird er dann nach Berlin müssen. Die Karte von den Taufgästen kam erst heut über Heidelberg mit einigen Zeilen von Aenne. Ich habe heut 8 Seiten nach Heidelberg Bericht erstattet, es ist aber ziemlich trocken u. sachlich ausgefallen. Ich konnte nicht anders.
Mit Tantchen ist es sehr hübsch und behaglich. Wir werden nun wahrscheinlich Sonnabend d. 14. nach Aachen fahren u. ich dann den 17. oder 18. nach Haus. Dann ist ein lieber Jemand gerade in Kochberg.
Morgen hoffe ich nun das kleine Paket an Sie abzuschicken. Ich lege so allerlei bei, weils ja portofrei ist. Der Brief von Anna Weise war hier, als ich kam. Mir ist, als müßte ich Ihnen noch von allem sagen können.
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| Der abgerissene Brief ist in Coblenz geschrieben, u. hört auf, weil das Klopfen an der Wand mich unterbrach. Ich möchte noch so viel hinzufügen, was mir die Seele erfüllt. Aber weißt Du nicht alles - alles?
So kann Dir ja auch der Briefbeschwerer nichts Neues sagen. Du weißt, daß ich nichts Lieberes habe, was ich Dir schenken könnte. Er wird Dir reden von Sicherheit u. Treue, von Ruhe u. Liebe, von der einen unveränderlichen Richtung des Lebens.

Sonnabend. 7. Sept.
Es ist so still hier u. ich freue mich schon darauf, wenn ich erst wieder in Heidelberg bei der Arbeit sein werde. Das Faulenzen macht müde u. trüb. Und die Lektüre, mein lieber Freund, die ich von Freudenstadt mitnahm, ist auch nicht gemacht, zur Freude zu stimmen. Ich bin ganz erfüllt davon; mit welcher schlichten Wahrhaftigkeit ist hier die innere Folgerichtigkeit des
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| Lebens erfaßt, mit welcher Tiefe ist es empfunden u. wie sachlich, ruhig unerbittlich rollt sich diese reale Welt vor uns ab, in der doch das Höchste zu Grunde geht. Es ist alles so glatt u. gut zum Schluß, mir aber scheint es eine hoffnungslose Öde. Können Sie überhaupt verstehen, daß dieses Mädchen mit dem Bewußtsein der unüberwindlichen Liebe im Herzen, einen anderen heiratet? Können Sie glauben, daß das Ehepaar R. sich doch noch findet, wo so jede Wurzeltiefe fehlt? Es ist ein Scheinleben, ein Compromiß, eine Eisdecke über einer schweigenden Tiefe. Wir aber wollen in der Sonne leben. Sie leuchtete uns zum Abschied, sie wird uns treu bleiben, denn wir sind treu.
Was ist Freiheit? Sie ist nicht schrankenlose Ungebundenheit, sie ist nur da, wo wir uns freiwillig mit ganzer Seele einsetzen. Wo dieser ungestüme Wille den Weg findet zur ewigen Notwendigkeit, da klingt die Welt in Harmonie.
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Haben Sie Dank für die Karte aus Potsdam. Ich sehne mich schon, bald etwas mehr davon zu hören. Es waren doch so inhaltreiche Stunden, nachdem Sie mich verlassen hatten. Wie haben Sie Ihren Vater u. den Hausstand gefunden? Wenn Sie doch besser Wetter hätten, als wir hier, daß Sie noch hinauskönnten. Es geht doch nicht, nun gleich wieder ganz in der Stube zu hocken. Wir wollen die Erholung doch möglichst fest halten.
Das Bioson versuchen Sie vielleicht mal statt das Cacao oder mit Cacao gemischt des morgens. Es soll so ausgezeichnet sein, aber man muß es sorgfältig nach Vorschrift zubereiten. Ob der Kuchen nach Wunsch ist?
Tantchen hat garnicht gezankt, sie ist sehr lieb u. läßt herzlich grüßen. Bitte, grüßen Sie auch Ihren Vater vielmals von mir.
Innig u. treu
Deine
Schwester
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| Wie schön die zarten, weißen Rosen noch sind. Sie stehen immer da, wo ich bin u. morgens fällt mein erster Blick darauf. u. abends der letzte. Sie sind wie lauter Poesie u. reine Schönheit, u. sie grüßen mich wie lauter reine, treue, selige Liebe.