Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Januar 1913


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19.1.13.
Liebes Kind!
Sie werden es sehr häßlich von mir finden, daß ich so lange nicht schrieb - aber Sie wissen, woran es liegt. Das betrübt mich sehr, daß Sie äußerlich von L. nichts mitgenommen haben, als eine starke Heiserkeit. Nun werden die Tanten wieder über mich schimpfen, was mich übrigens nicht so betrübt als die Tatsache selbst! Sorgen Sie für baldige Beseitigung und bewahren Sie nur das Schöne, wenn Ihnen vielleicht auch der auf mir lastende Arbeitsdruck manches getrübt hat.
Naturgemäß habe ich vieles nachholen müssen, und wie das möglich sein konnte, berechnen Sie selbst, wenn Sie
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| erwägen: Mittwoch u. Sonnabend Fakultätssitzung à 4 Stunden, Donnerstag Kursus, Freitag Übungen, dazu 4 Dissertationen, wovon trotzdem 2 erledigt. Die folgende Woche wird noch schlimmer: ich suche vergebens eine Zeit, um mir den Schädel scheren zu lassen: fast täglich Examina, morgen u. übermorgen je 3 Kandidaten, und am Donnerstag 11 ½ Audienz beim König in Dresden, 4 Uhr Kolleg, 8 ½ Kursus.
Ich bin heut Abend sehr müde und kann keinen eigentlichen Brief schreiben, nur berichten; Antwort später einmal. Heute nur Telegramm: Also in München soll die Liste lauten: 1) Messer (Gießen) 2) Spranger 3) Barth - der 2. Volkshochschulvortrag war viel besser als der erste, schade, daß Sie nicht dabei waren.
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| 2 Briefe lege ich bei. Eine Krisis Riehl besteht nicht mehr, immerhin eine leichte innere Hemmung, die wohl am 1.II. hoffentlich behoben wird.
Die Fakultätssitzungen sind mir psychologisch sehr interessant, besonders gestern. Wiener fange ich innerlich fast zu lieben an. Das Herausarbeiten der Persönlichkeitsbilder ist für mich der einzige innere Gewinn. Mit Wundt hatte ich Verhandlungen wegen Brahn. Die Komission aus dem Dekan, Wundt, Volkelt und mir ist gebildet. Sympathien in der Fakultät gering, aber man schweigt wegen Wundt.
Heute war ich Mittags bis ½ 7 bei Friedmanns. Eigentlich hätte ich früher an die Arbeit zurückkehren sollen.
Seit 4 Tagen sind wir ohne Mädchen, was sich vorwiegend vorteilhaft bemerkbar
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| machte. Morgen aber kommt hoffentlich das neue.
Es ist mir ein sehr lieber Gedanke, daß Sie nun meine Umgebung kennen. Daß ich weder geistig noch physisch auf der Höhe war, haben Sie ja gemerkt. Aber ich vertraue darauf, daß ihr Zweifel nur vorübergehend war, und daß nicht alle Menschen nur Ausstellungen an mir zu machen haben. Es ist so schwer, unter der Wucht der Anforderungen in jedem Moment alles zu sein.
Mein Befinden ist, seitdem ich mich geäußert habe, die betr. Erscheinung als Nervenschmerzen zu betrachten besser. Merkwürdig, der Direktor der röm. Schule, die gestern 1 ½ Stunde m. Informationen einholte, fing von genau denselben Symptomen u. Befürchtungen an. Ein Trost den Armen!
Das ist kein Brief. Können Sie zwischen den Zeilen lesen oder werden Sie mich wieder tadeln? Innig, dankbar, treu
Dein Eduard.