Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Januar 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 25. Januar 1913.
Liebe Freundin!
Damit Sie diese übrigens nur einen herzlichen Dank enthaltenden Zeilen noch am Sonntag bekommen, schicke ich sie als Eilbrief. Also nicht etwa Unruhe!
Sie haben mir ja eine ganze Weihnachtskiste geschickt, lauter Überraschungen, Selbstgemachtes und Eingemachtes etc. etc, daß ich es gar nicht einzeln aufzählen kann. Die Gebäcke, um mit dem Wichtigsten anzufangen, sind fast lieblich zu essen, am lieblichsten aber die langen bleichsüchtigen weichen Daibelszungen, während die Schloßbiskuits neuerdings etwas Schloßsandsteincharakter angenommen haben. Mit dem Biomalz habe ich gestern begonnen. Der Herr muß es einem ja lohnen, wenn man das nimmt. Kalender anggenehm. Blumen sehr lieblich und zart, stehen
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| an Stelle der von Ihnen hinterlassenen Rosen, und Sie haben diesmal garnichts Blühendes von mir bekommen! Die angebotene Einrichtung des Schreibtischkastens ist verdienstlich, aber in diesen Schreibtisch nicht mehr; ich hätte ohne Sie nicht einmal Zeit, die Neuordnung zu treffen, finde mich schon durch.
Ja, glauben Sie nicht, daß auch ich das Bedürfnis nach einem engeren u. tieferen brieflichen Konnex habe,? aber, liebes Kind, es ist einfach unmöglich. Sie haben alles in Leipzig gesehen, nur nicht meine Arbeitslast, ich bin wie ein Vieh, komme gerade noch durch. Selbst heute darf ich nicht viel schreiben, denn die 3 [über der Zeile] freien Tage, die kommen, sind durch 4 Dissertationen eiliger Art und die notleidenden 4 Kolleggegenstände ganz besetzt. Also seien sie geduldig mit mir: ich kämpfe einen großen Kampf an einer wichtigen Stelle, und da darf der Mensch in uns sich nicht mucksen, er muß mitlaufen und
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| sehen, daß er mit Biomalz über Wasser bleibt. Übrigens haben die Darmstörungen fast ganz nachgelassen; hingegen sind die Nerven recht abgearbeitet, da nie eine Pause kommt. Doch sind bisher keine schweren Störungen eingetreten.
Ihnen aber mache ich zur Pflicht, sich so zu pflegen, daß Sie in gutem Befinden in den Frühling hineingehen, damit ich Sie dann recht heiter und gesund finde, wenn mich ein gutes Geschick nach Heidelberg führt. Wir hatten hier einen sehr traurigen Fall: Paul Salow, der erste, der mir in L. freundschaftlich nahe trat, ist nach 6 Monaten Krankheit und Ehe, von seiner jungen Frau aufopfernd gepflegt, den Streptokokken erlegen. Die Beisetzung war Donnerstag. Ich kam um 3 von Dresden, mußte die Rel. phil. auf Freitag verlegen (denken Sie diesen Tag!) und um 5 in der Halle am
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| Völkerschlachtdenkmal
sein. Eine tief ergreifende Feier! Militärmusik, 30 Verbindungen mit Fahnen, der 81 jährige Wundt sprach auf den 27 jährigen jungen Freund! Ein seltener Mann, diese Ruhe im echten Schmerz! - - Abends der Kursus wurde unter diesem Eindruck die reine Predigt.
In Dresden traf ich unsern Rektor u. Jungmann. Der König fragte mich, was ich früher gewesen wäre. Ar. "Scheinen mir noch recht jung zu sein, Herr Professor?" "Ich bin der jüngste in der Fakultät. "Reserveoffizier sind Sie wohl auch"? "Leider nein, Maj." - Sie sehen, daß ich trotz meiner Klapprigkeit auf Könige noch einen sehr schneidigen Eindruck mache. Dann Ratskeller. 1 Uhr 18 Zug. Jungmann u. sein 6jähr. Enkelchen fuhren mit, eine mir sehr liebe Gesellschaft.
Mit Frau Riehl ist alles im herzlichsten Einvernehmen. Tante Thes hat mir den
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| Schlips geschickt. Danken Sie ihr doch einstweilen in meinem Namen.
Ich begann zu hoffen: heute aber sieht es wieder recht kriegerisch aus. Wir sind ein Spielball in der Hand der Diplomaten. So viel weiß man: der Zar kommt dieses Jahr nicht nach Leipzig.
Aber kann ich überhaupt noch über meine Examina hinausgucken? Am Dienstag allein 4 Stunden! Übrigens kommt am Dienstag der König u. hört u. a. bei Wundt. Sonnabend fahre ich nach Berlin. Sonst nichts Neues.
In 5 Wochen bin ich freier. Gedenken Sie mein und schreiben Sie recht oft!! Grüßen Sie alles in H. was ich kenne. Was macht das kranke Frl. Seitz?
Für alle Liebe innigsten Dank! Ob ich um mich blicke oder in mich, immer sehe ich Sie!
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Die Ansichtssachen u. den Klinger schicke ich bei andrer Gelegenheit. Poincaré muß leider an Riehl zurück.
Das neue Mädchen ist auch keine Perle, und das "gnädige Fräulein" ist krank. Gelegentlich gibt das doch Unbequemlichkeiten. Morgen bin ich Mittags bei Biermann. Vorher bei der 87jährigen Frau Henriette Goldschmidt, denn ich bin ins Kuratorium der Frauenhochschule gewählt.
Wie geht es Windelband? Hoffentlich überarbeitet er sich nicht.
Viele innige Grüße u. Wünsche gegen Heiserkeit, für Heiterkeit
Dein
Bruder.

Die "Neue Freie Presse" hat die Wandlungen recht eingehend besprochen.