Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Februar 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 6. Februar 1913.
Liebe Schwester!
Vor ½ Stunde habe ich den letzten Volkshochschulvortrag beigesetzt; ich liege vor Müdigkeit auf dem Bauch, und da dies zum Schreiben keine glückliche Stellung ist, müssen Sie schon verzeihen, wenn es nicht viel wird. Im übrigen aber geht es mir (leider im Gegensatz zu Ihrem dauerhaften Katarrh) ganz gut, abgesehen von einer zunehmenden Ausgepumptheit, die mich mehr Freude über das Ende der Vorlesungen als ihren Inhalt empfinden läßt, und trotz des Biomalz, an dem sonst wohl die Leute zugrunde gehen. Sie haben gewiß im stillen geschmollt, daß ich noch keine Karte sandte auf Ihre lieben Zeilen nach Berlin und hier, daß weder
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| das Ms noch der Kalender, noch der Titel: Poincaré, "Die neue Mechanik" kam. Wenn Sie nicht so begehrlich wären, würden Sie mit dem P. bis zum 25. warten . Vorher gibt's nichts; wozu ist man Pädagog?
Daß Sie immer noch den Druck der Vergangenheit spüren, ist mir verständlich. Ich meine, man spürt es auch an Ihnen. Obwohl ich keineswegs so hämisch bin, wie Sie, daß ich wünschte, Sie wären anders als Sie sind, nämlich was mich betrifft - so wünschte ich Ihnen der Welt gegenüber immer noch mehr Stolz und Freiheit und Selbstständigkeit. Ich weiß von mir selbst, daß es schwer ist, sich das zu geben. Aber bei Ihnen spricht eben auch dies ewige Patriarchat mit, gegen das ich keineswegs hetzen will, das aber der Rangordnung der Geister so wenig entspricht. Aber ich komme nur darauf, weil Sie et
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|was derartiges andeuteten, und ich hoffe, daß Sie nun, was hier steht, nicht mißdeuten und mir ein Briefchen schreiben. Denn ich habe noch immer Gott gedankt, daß er Sie so schuf, wie Sie sind, und meine Pädagogik besteht nur darin, jedem zu sich selbst zu verhelfen. Wie Sie dann auch keinen Schritt weiter mitgegangen sind.
Hätten Sie die beiden letzten Kurse gehört, so hätten Sie den Kopf geschüttelt und schweigend opponiert. Mir waren diese Kurse eine Qual. "Mit einer lauten Stimme im Halse kann man nicht gute u. feine Gedanken denken." Aber die Stimme ist das wenigste. Das Echo war zu ungleich; und ich war weiß so müde, daß ich mir die Wirkung abrang. Wer zu hören verstand, wie z. B. Frau Rohn, kann unendlich viel gehabt haben. Manches gelang mir
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| glänzend, z. B. die Charakterisierung des Atheismus, dessen männliche Herbheit nur interessant [über der Zeile] ist, weil er Götter begraben hat, und weil der Schmerz großer Enttäuschungen noch durch ihn hindurchschimmert.
Die Fastnachtskräpfelchen der Frau Rohn waren aber besser.
Ich selbst habe eigentlich viel dadurch gewonnen. Denn ich habe meine Gedanken einmal ganz selbstständig orientiert u. einen gewissen Zusammenhang darin entdeckt, über den ich reden könnte, wenn ich Zeit hätte. Der Zufall will, daß ich auch in der Religionsphilosophie jetzt eines positiven Weges walle. Die heutige Stunde gelang mir glänzend, wie man auch am Schluß trotz des sächsischen Luppentemperamentes zum Ausdruck brachte.
Aber, Geliebtes, es ist wirklich zu viel, was auf mir liegt, und nur durch Schlafen
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| bleibe ich in meinem Trott, während draußen der Frühling seine ersten Lieder singt.
Einen kleinen Dissensus mit Wundt hatte ich, der aber durch seine Güte und meine klare Aussprache zu meiner Beruhigung in Ordnung kam. Wenn ich diesen Mann fürchtete, würde er auf meine Ansichten keinen Einfluß haben; leider aber (hätte ich fast gesagt) liebe ich ihn.
Die Fakultät (zerreißen Sie dies Blatt) ist eine Rotte wilder Gesellen mit meist nicht anwesenden Lichtgestalten. Was ich gestern wieder erlebt habe, sprach allem Gerechtigkeitsgefühl Hohn. Warum macht die Wissenschaft nicht größer? Einige Gestalten aber arbeiten sich in imponierender Weise heraus, so z. B. Leskien, z. T. auch Partsch. Unser Dekan ist ein Schwab.
Ich komme auf ganz etwas anderes. Ein
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| Gedanke, der mich oft beschäftigt hat, ist der, ob Sie für den Fall des Krieges auch Ihr Kapital gut angelegt haben. Wissen Sie genau, ob Ihre Devise sicher ist? Sonst würde ich die noch bestehende Ruhe zu einer Umwandlung in Staatspapiere benutzen - Was mich betrifft, halte ich mein Geld vorläufig in bar, obwohl 3 % recht wenig sind. Ich habe jetzt auch in Berlin auf der Dresdner Bank ein Conto angelegt, um nicht immer alles mit mir herumzuschleppen, wenn ich dort bin. Der Bodenseeplan bleibt bestehen, wenn Frieden bleibt, trotz des scheußlichen Bildes.
Ich befinde mich in der eigentümlichen Lage, jetzt den Antrag für Brahn stilisieren zu müssen. Ich kann kein volles Vertrauen zu ihm gewinnen, was vielleicht an der Schlechtigkeit meines Charakters, nicht des seinen liegt.
Die Kuratoriumssitzung *) [Fuß] *) Ich bin nur im Kuratorium, ohne Leseverpflichtung. der Frauenhochschule war mir, wennschon sie mir wirklich eine große Strapaze auflegte, sehr wertvoll u. interessant. Die 87jährige Frau Goldschmidt zu sehen u. hören, ist eine ganz hohe reine Freude. Ich hatte auch Veranlassung, in die Debatte aktiv einzugreifen.
Bei Riehls war alles in schönster Harmonie; freilich sehr kurz. Aber die Aussprache war eine von denen, die fester verbinden.
Deshalb provozieren Sie so was wohl auch? Ist aber unter uns nicht nötig.
Damit herzlichst Schluß, und in innigem Gedenken wie stets
Dein
Bruder

[li. Rand] In welchem Heft der Deutschen Rundschau steht Groethungsen

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                                                  Die Stufen und Wertgebiete des Lebens
                                                               (nach dem Kursus.)
Natur:Wirtschaft.Kunst.Sittlichkeit.Religion.
Tatsächliche WerteMaterialismus.materialistische Theorie (SozialdemocratieRealismus.Eudämismus.Atheismus.
KampfwerteMorusmusSoziale Gerechtigkeit.Idealismus.EmpirismusPantheism.
Ideale (überwirkliche Worte.)Supranaturalism.Sozialer IdealismusWeltanschauungskunst (Erlösungskunst)<ein Wort unles.> Ethik der Pflicht.Theismus (immer der Persönlichkeit)