Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Februar 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 17.II.13.
Liebe Freundin!
Wegen des finanziellen Problems habe ich beim Registrator angefragt, leider aber mehr seine politische Weisheit als sein fachmännisches Urteil über die beiden Devisen zu hören bekommen. Mir scheint vorläufig nichts zu tun; ich würde aber doch, falls die Darmstädter einmal relativ zu Kräften kommen sollten, lieber einen Teil verkaufen, also die Sache dauernd verfolgen. Im Ganzen verstehe ich nicht recht, daß man s. Z. nicht lieber sichere, wenn auch geringer verzinsliche Papiere gewählt hat. Ich glaube, daß der Begriff "mündelsicher" für den nicht börsenerfahrenen immer maßgebend sein müßte.
Was die Kriegsgefahr selbst betrifft, so hört man sehr widersprechende und immer gleich überzeugte Urteile. Mir scheint aber, als
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| ob die Friedensapostel nicht viel fundamentum in re hätten. Jedenfalls ist die Gestaltung des Sommers absolut unsicher, und, wennschon man bei so großen Fragen der Menschheit nicht an seine kleinen Interessen denken sollte, alles, was uns betrifft, auch, so zunächst der Bodenseeplan; dann auch, ob es hier im Sommer überhaupt Studenten geben wird. Über einen Semesterausfall würde ich ja hinwegkommen, mehr aber würden mir nicht gestatten, 2 Haushalte weiterzuführen.
Es gibt in dieser Lage für den einzelnen naturgemäß nichts als abwarten. Viel zu gewinnen hat Dtschld m. E. in keinem Falle. Daher wohl auch diese relative Ruhe der leitenden Kreise, die gewiß ihrerseits nichts propagieren werden. Anders steht die Sache mit Rußland, wo weniger zu verlieren und mancherlei einzustecken ist.
Inzwischen diniert man hier noch sehr luxuriös, wie z. B. gestern bei Ehrenbergs.
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| Es ist dort immer gemütlich, aber ein Stab von Judentum, über den R. v. Jhering bei seiner Tochter sich wundern würde.
Wie geht es der Tante? Haben Sie bessere Nachrichten? Es ist jetzt oft recht rauh u. unfreundlich, was ich auch im Zimmer bisweilen empfinde, da wir auf den alten geordneten Gang des Haushalts immer noch nicht gekommen sind.
Ende nächster Woche schließen die Vorlesungen; ich bin in der Tat nur noch mit Kräften bis dahin versehen. In der Päd. bleibe ich ziemlich stecken. Das übrige kommt gut zu Ende, besonders die Religionsphilosophie, die trotz der zerstückelten Vorbereitung viel Ordnung u. Zshg. bekommen hat. Die Prüfungen lassen nach. Aber Dissertationen habe ich in ganzen Haufen gelesen, dann auch den Antrag für Brahn ausgearbeitet. Mittwoch ist hier Bußtag. Zweimal bin ich sogar schon spazieren gegangen, u. die verlor. Hdtschrift. habe ich auch zu lesen begonnen. Unerhörte Débauchen!!
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Auf die Auseinandersetzungen Ihres lieben Briefes vom 5.II. könnte ich jetzt vieles und Neues erwidern, da sich mir, wenn nicht die Sache, so doch meine Stellung zu ihr wesentlich geklärt hat. Ich nenne nur den einen Ausdruck: "ideale Erfüllung, im Gegensatz zur realen". Mit diesem Rätsel mögen Sie sich beschäftigen. Und mit Entwicklungslehre hat das alles nichts zu tun. Vielleicht kann ich in den Ferien mal wieder in einem Aufsatz meine letzten Entwicklungsresultate abstoßen. Die Vorlesung klärt doch vieles, worüber man sonst lange schwanken würde. Gegen den Positivismus u. den niederen Pragmatismus habe ich jetzt (nicht zu fern von Euckens Wohnhaus) den [über der Zeile] höheren Pragmatismus der idealen Erfüllung aufgebaut, ein hübsches Fachwerkhaus von relativ solider Art, in dem man schon eine Zeit wohnen kann.
Mit dem Ms. hat es beliebig lange Zeit. Es interessiert mich so wenig, wie die Henne das Ei, das Sie verspeisen. Guten Appetit.
Neulich hatte ich Besuch aus Heidelberg.
Seien Sie nicht zu fleißig u. sorgen Sie für Ihre Gesundheit.
In Liebe u. Treue wie stets Dein Eduard.

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Freund Schröbler hat vor 8 Tagen summa cum laude seinen Doktor gemacht. Ich war s. Z. mit cum laude heilfroh!
Leipziger Maß u. Gewicht.