Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 23. Februar 1913.
Liebe Freundin!
Ob dieser Brief einzeln geht oder im Paket, ist mir im Moment noch nicht klar. Aber wie er auch gehe: er soll Ihnen meine Gedanken und Gefühle bringen an einem Tage, der für mich als ein Festtag in die Gleichförmigkeit aufreibender Arbeit hineinstrahlt. Unter diesem Getriebe kommt so selten die Gelegenheit, einander zu sagen, was man einander ist. Aber ist das eigentlich nötigt, wenn jeder Tag es innerlich beweist und man fühlt, daß man mit den Grundwurzeln seiner Existenz verwachsen ist?
Ein Geburtstagswunsch zwischen uns kann sich nicht in dem üblichen "Möge ..... " ergehen, sondern nur diese Gewißheit bekräftigen, die für uns beide das höchste
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| Lebensgut ist. Soll ich doch etwas wünschen, so wäre es dies, daß Sie Ihre ideale Existenz Ihrer realen zu Hilfe kommen lassen; denn das ist möglich, und zugleich nötig. Und mir wünsche ich, daß Ihre ideale Existenz mich ebenfalls wie stets erheben möge aus der Realistik, die mir jetzt die Flügel beschneidet und mich bisweilen fragen läßt: "Bin ich ein Philosoph?"
Vom Frühling hoffe ich viel. Zunächst daß wir uns sehen. Die Reichenau ist mir sehr gelobt worden u. ich möchte sie - des Wassers wegen - ohne Not nicht aufgeben. Dann aber bin ich wirklich erholungsbedürftig, auch in dem Sinne, daß ich ein einziges Mal wieder denken möchte. Und endlich habe ich einige Arbeiten vor, die wenigstens im Kopf reifen sollen, wenn auch nicht auf dem Papier, so ein nationalökon.
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| philos. Gutachten für Schmoller. Eine Aufford., Anfang März in d. soz. Gesellsch. in Wien zu sprechen, habe ich abgelehnt.
Sie finden in dem Packet nur wenige Kleinigkeiten; mein Buchhändler hat mich mit dem Poincaré im Stich gelassen. Der folgt also gesondert. Feuerbach ist Ihr Liebling. Bruns ungefähr mein Standpunkt. Aber ein eigentliches Geburtstagsgeschenk ist nicht dabei. Ich war so abgespannt, daß mir kein Gedanke kam, und ich wollte nicht daneben greifen. Eine große Freude würden Sie mir machen, wenn Sie mir sagten, ob ich Ihnen nicht im April etwas mitbringen kann, das Sie gern von mir hätten. An solchen Tagen empfinde ich immer tief den Abstand Ihrer schönen und ästhetisch verpackten Sendungen von meinen armseligen.
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| Aber daß auch sie liebevoll gemeint sind, daran werden Sie nicht zweifeln. Eben setze ich das Haus nach einer Papprolle in Bewegung. Mit dem neuen Mädchen ist wenig anzufangen. Hoffentlich geht alles in den alten Kasten, in dem schon manches gelegen hat, wie meine H Muster und meine Aufschriften beweisen.
Das schwere ist nur scheinbar Diltheyisch. D. meint Typen, ich meine Stufen. Manchem soll die Sache ganz gut gefallen haben. Ich bin jetzt so weit, daß ich an keinem Kolleg mehr Freude habe. Freitag abend schließe ich. Leider muß ich bis zum 8. früh hierbleiben, weil ich eine Einladung v. Strümpells nicht zum 4. Male ablehnen konnte.
Mit meinen Gedanken bin ich in Heidelberg u. werde es besonders am 25. sein. Grüßen Sie alle, die da kommen und mich kennen.
Das übrige liest Du zwischen den Zeilen.
In inniger Liebe
Dein Bruder.