Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Februar 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 28. Februar 1913.
Abends 10 Uhr 10.
Liebe Schwester!
Soeben habe ich mit den Übungen den letzten Akt dieses Semesters geschlossen. Ich habe gearbeitet für drei und blicke mit dem Schauder zurück, als wenn man nahe am Abgrund geschwebt hat, aber auch mit einem tiefen Dankbarkeitsgefühl, daß ich alles zu Ende führen konnte. Die Vorlesungen der letzten Woche waren nicht viel wert. Von Montag ab war ich - weniger nervös - als vielmehr so unproduktiv, daß ich mich mit schnell zusammengerafftem begnügen mußte und stundenlang spazieren lief. Übrigens sind die nächsten Tage noch fast alle dienstlich besetzt.
Vor allem noch Dank für die reizenden Blümchen, die wirklich so zierlich waren, wie es Frühlingsblumen ziemt. Sie stehen noch als liebe Erinnerung vor mir und sind mir
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| viel lieber als der riesige Orchideenwedel, den mir 2 Russinnen geschickt haben, da die Leipziger <ein Wort unleserlich> nicht solche Geldeinstecker sind wie manche anderwärts.
Nun aber zu dem Hauptpunkt. Hier liegt noch manches im Ungewissen. Mein Programm ist ungefähr folgendes: Am 8. fahre ich nach Berlin, bleibe dort bis zum 12.IV. und bin spätestens am 21.IV in Leipzig. Daran kann sich, normale Umstände vorausgesetzt, nicht viel ändern, denn ich muß 1) vom 8. bis zum 12.IV. sehr viel für das Semester vorarbeiten. 2) zum 1.IV. ein neues Mädchen suchen u. die erste Zeit mitüberwachen. 3) am 24.IV. spätestens zu lesen beginnen, ja vielleicht wegen der frühen Pfingstferien noch früher.
Was nun unser Zusammensein betrifft, so deuteten Sie einmal flüchtig an, daß Sie die Absicht hätten, Ostern nach Berlin zu kommen, um die Familie zu besuchen.
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| Das ist gewiß ein edles Vorhaben; aber mein Egoismus, ganz offen gesagt, findet darin keine sehr lockende Idee. Denn einmal haben wir wiederholt erfahren, daß Berlin kein günstiger Boden besonders für ein kürzeres Zusammentreffen ist, und andererseits gebietet (leider) die rauhe Pflicht, daß ich die 5 Ferienwochen in Berlin möglichst weit in der Arbeit vorwärtskomme, da ich ein solches Semester wie dies, mit 2 unfertigen Vorlesungen, einfach nicht noch einmal durchführen könnte. Den Reiseplan aber möchte ich um so weniger aufgeben, als mir heute ein Student aus der Gegend die Reichenau wieder sehr verlockend geschildert hat. Ich muß daher mit einer Frage herausrücken, die ich eigentlich noch aufschieben wollte. Dabei mache ich es wie Frau Riehl u. erlaube mir, ganz geradezu zu sein: Heidelberg ist diesmal nicht ganz ergiebig. Denn ich kann an Wundts nicht vorbeireisen. Auch würde ich sehr gern ein
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|mal ein wissenschaftlich ausführliches Gespräch mit Troeltsch haben. Würden Sie nach dem Bodensee mitkommen in der Form, daß Sie etwa in Rudolfzell wohnten und wir dann täglich einen halben Tag uns gegenseitig besuchten? Sie müssen nicht denken, daß ich nicht Verlangen nach einem ganzen Tag hätte. Aber erstens wird in dem kleinen Mittelzell ein für Sie geeignetes Logis schwer zu haben sein, und zweitens möchte ich - nicht wahr, Sie verstehen das richtig - ? den hoffentlich befruchtenden Landschaftseindruck verwerten zu einem Genuß, der mir sonst versagt ist, zu einem Vormittagsdenken, von dem ich Ihnen am Nachmittag erzähle. Sie malen indessen oder ruhen sich aus. So meine Idee. Ich bitte Sie, sich nicht gleich zu entscheiden, auch nicht alle Tanten zu befragen, sondern sich erst einmal in den Gedanken hineinzuleben, wobei ich verrate, daß meine Idee von vornherein diese war. Mit Ihrem Casseler Aufenthalt wird das nicht kollidieren. Sie kommen Anfang April
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| zurück und machen dann noch eine etwa 6tägige Pause, die Port gewiß bewilligt.
Ich habe noch einen großen, stillen Wunsch: Würden Sie es über sich gewinnen, einmal Frl. Wundt einen (von mir nicht angemeldeten) Besuch zu machen und mit ihr so zu reden, wie man ganz unter Menschen redet? Ich habe zu ihr ein großes Vertrauen und sähe darin etwas sehr Schönes, wenn Sie in Berührung kämen. Freilich wäre dies nur nach Ihrer Rückkehr im April möglich. Frl. Wundt ist Ihnen in Lebensalter und Lebensaufgaben ganz gleich: Sie beide opfern Ihr Leben für einen Philosophen.
Um von den Tagesereignissen zu reden, so ist mein schön formulierter Antrag für Brahn, wie vorauszusehen, unter Pauken und Trompeten durchgefallen. Ein langes Kapitel! Volkelt, dieser edle und reine Mensch, ist Wundt gegenüber pietätvoll bis zur
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| Schwäche. Er hätte ihm diese öffentliche Niederlage ersparen können. Ich mußte als dritter "Ja" sagen, was ich übrigens in einem andern Fall nicht getan habe, mit dem Erfolg, daß Wundt u. Volkelt mir nachträglich zustimmten. Mit dem Rickertschen Circular entstand auch eine Differenz zwischen Volkelt u. mir. Ich schrieb, wie es meine Art ist, den klärenden Brief; er war heut bei mir, ohne mich zu treffen. Unter offenen Charaktern, Gottlob, können solche Auseinandersetzungen nur zum Besten dienen.
Einen herzerfreuenden Eindruck hatte ich heute: eine Dame im Staatsexamen, nicht abstudiert, sondern gesund, etwas ängstlich, aber sehr gut. Und eine Probelektion, ich sage Ihnen, daß mir das Herz im Leibe lachte. Geborene Lehrerin. Wie Sie die 6 Jungens mit Feuer heranzog und dabei gelegentlich auf die Kommission, d. h. den Frosch-
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|König
und mich, einen triumphierenden Blick warf, der sagte: das kann ich - ja so etwas klingt den ganzen Tag nach, solche Lehrernaturen trägt das Jahr kaum eine. Und Sie wissen, wie wenig ich die ganze Studiererei liebe.
Morgen will ich mit einem Studenten nach Halle oder bei gutem Wetter nach Leisnig fahren. Hoffentlich bewährt sich mein Vertrauen zu ihm, ich kenne ihn noch garnicht. Es ist nötig, daß ich allmählich in die ruhigere Arbeit übergehe, sonst gibt es, bei nachlassender Beschäftigung und Energie, einen scheußlichen Kollaps.
Matthias hat eine zuckersüße Recension über meinen Paulsen geschrieben, die ich schicke, wenn sie mein Vater gelesen hat. Es ist fast eine Verhimmelung und Manna für einen Selbstquäler.
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Tante Virchow hat des Daseins Kreise ausgemessen. Sie werden mehr die schöne Vollendung als das Schmerzliche in diesem Versuch fühlen.
Viel Sympathien der Studenten habe ich mir erworben. Ich lege in die Sprechstunde viel Heiterkeit u. Wärme, weil ich sonst keine Zeit für Stud. habe. Als heute der 50. sich eine schriftliche Arbeit in diesem Semester erbat, sagte ich ihm: "Ich muß Ihnen eine Jubiläumsrede halten. Sie sind der 50. Das ist erstens fatal für mich. Zweitens für Sie; denn wie sollen all die Kandidaten Anstellung finden?"
Morgen 5 Doktoren von 9 - 12. Sonntag Besuchserwiderungen u. bei Partsch, der meinen 1. Eindruck rechtfertigt.
Nun kurz Schluß mit innigsten Grüßen, auch an unsern Freundeskreis.
Ihr Bruder.