Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. März 1913 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 14. März 1913.
Liebe Freundin!
Den Beginn der Ferien merkte ich am Nachlassen der unerträglich großen täglichen Korrespondenz; ich sehe mit Schrecken, daß auch Sie unter meiner Schreibfaulheit leiden mußten, obwohl es so natürlich nicht gemeint war. Außerdem liegen jetzt wieder 20 unerledigte Briefe da: das ist der Danaidencharakter des Lebens.
Was Sie Gutes schrieben, hat mich herzlich erfreut. Der Tante wünschte ich mehr Freudigkeit, hoffentlich ist es nur die bekannte Frühjahrsschwermut, unter der viele leiden, ohne objektive Gründe zu wissen.
Mir geht es wesentlich besser, als nach den unmenschlichen Anstrengungen des Semesters zu erwarten war. Ich habe sogleich mit Neigung und Liebe die Vorarbeiten für das
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| nächste Semester in Angriff genommen, empfinde freilich, daß hier viel gewollte und ungewollte Zerstreuung dazwischen kommt. Meinen Vater fand ich in erfreulichem Gesundheitszustand. Wir beide freuen uns, daß das jetzige Mädchen geht, und fürchten uns vor dem nächsten. Den Geburtstagsbrief m. Vaters haben Sie doch bekommen? Ich war zweimal mit Nieschling zusammen, einmal in Babelsberg bei Riehls zum sehr netten philos. Abend, wo auch der kl. Scholz war; seine Schwester zeigt eben d. bestandene Examen vor. Einen Tag war ich bei W. Böhm, am Dienstag zur Schulfeier, dann Niederlegung eines Kranzes am Grabe der Johanna Stegen, von dort fuhr ich gleich mit Frl. Thümmel nach Pankow. Hatte Lust, den Broseschen Park mal wiederzusehen, Tür offen, alles im Umbau, schließlich liefen wir ihm ins Gehege, also doch. Da er eben 2 Damen führte, blieb
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| es bei Kartenübergabe meinerseits "Den Namen habe ich schon mal gehört." Herrn Fischer werden Sie kaum wiedersehen, er wird sich bald totgesoffen haben. Gestern Baumschulenweg, alle krank gewesen, manche Gegensätze. Bernhard kommt zur Schule, Ännchen ist u. bleibt ein Trampel. Heute will ich zu Matthias, um mit der preuß Schulpolitik wieder Fühlung zu nehmen. Frau Paulsen reklamiert m. Besuch. Fastenraths sind hier. Sonnabend u. Dienstag Böhms, Sonntag Registrator, Montag Lindau. Sie sehen, eine hübsche Speisekarte, wenn man auch bis zum 15.IV. noch 2 Kollegs machen will, 1 Gutachten f. Schmoller, Korrekturen u. Anmerkungen zur Humboldtausgabe u. mehrere Recensionen. Der Humboldt v. O. Harnack ist nun da, keinerlei Konkurrenz.
Ihre Bereitwilligkeit in m. Reiseplänen billige ich. Mir scheint nach Autopsie im Fahrplan, daß Konstanz besser liegt als Rad.
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| Auf Reichenau werden keine 2 Gasthäuser brauchbarer Gattung sein. Mein Plan mit Frl. Wundt entsprach mehr dem Wunsch, Sie der geistigen Stagnation des K.schen Kreises etwas zu entziehen und Ihnen eine neue wertvolle Anregung zuzuführen, als daß ich über den Modus viel nachgedacht habe. Vielleicht fügt es sich bei meinem Aufenthalt in H. von selbst. Ich habe mich am Donnerstag als einziger Mittagsgast bei Wundts gut unterhalten.
Frau Friedmann ist nun erholter in Wien u. schrieb mir einen dankbaren Brief. Er schüttete ein Füllhorn romantischer Gefühle aus Krems an der Donau über mich aus, wo er in Garnison steht.
Ich hoffe, daß Sie als energierte Medizinerin unsern Purr heilen werden. Das ist das Minimum von Viehlosophie, was ein Mediziner haben muß. Ich grüße den ganzen Verwandtschaftskreis, vor allem die verehrte Tante u. Herrn Walther. Ihnen gebe ich dringend auf, sich auszuruhen und grüße Sie auch von m. Vater, herzlichst in bekannter Treu Eduard.
[re. Rand, S.1] Herzlichen Dank für die Beilagen, die anbei zurückfolgen.