Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. März 1913 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 20. März 1913.
Liebe Freundin!
Was nennt man Ferien? Die Zeit, wo man sich doppelt so viel Pflichten selbst wählt, als man sonst hat; die Zeit, wo von unbegrenzten Möglichkeiten nicht eine realisiert wird; die Zeit, wo man für jeden Besuch vogelfrei ist; die Zeit, die mißmutig alles in Stockung und nichts in Ordnung bringt etc. So geht es wahrscheinlich uns beiden. Ich schaffe am Tage wenig und habe unendlich viel vor, weil immer die Fiktion besteht, daß man sich jetzt Besonderes leisten könne. Alte und neue Ideen drängen nach produktiver Gestaltung, man schreibt das Thema in das Notizbuch und sieht sie niemals wieder.
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Trotz allem befinde ich mich in einer gewissen inneren Bewegung. Wie stets, wird sie auch diesmal durch meine pädagogischen Beziehungen zur Böhmschen Schule ausgelöst, aber in einer ganz neuen Form: ich sehe, daß hier die Brücken abgebrochen sind. Ich kann mich unter dem Ernst meiner verantwortungsvollen Lebensaufgaben nicht mehr in den kindischen Ton dieser Umgebung finden und sah, nicht mit Wehmut, mehr mit Abneigung, wie wenig die diesmaligen Abiturientinnen, meine letzten Schülerinnen, zu mir emporfinden würden. Ich habe sie kaum ½ Jahr gehabt, mir also ist dies weder zuzurechnen noch erstaunlich; für die neue Schulleitung (unter uns!) ist die herrschende Geschmacksrichtung und Tonart keineswegs ehrenvoll. Ich sehe, und das ist vielleicht meine neue, nicht mehr ästhetisch-
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|enthusiastische Stellung zur Pädagogik, darin das allgemeine Problem. Warum waren 10 Jahre höherer Schule für die spontane Innerlichkeit dieser Mädchen wirkungslos? Warum bleibt das Haus mit seiner Tonart doch mächtiger? Ich weiß die Antwort auf diese Frage. Sie liegt in dem, was die ganze neue Pädagogik von der alten unterscheidet - Leben ist mächtiger als Lehren - und sie liegt leider in der Person von Willi Böhm, die genau so unpädagogisch ist, wie ich pädagogisch. Denn die früheren Generationen waren doch wesentlich anders, wenn auch jetzt die Nachwirkung ihr Ende hat und ich mich von diesem Kreise als Schulgemeinschaft löse.
Etwas verödet erscheint mir das Haus der akademischen Pädagogik, in das ich zurückkehre. Wenn so wenig daran lehrbar ist, was hilft alles Reden?
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| Fast kommt jetzt die Aufgabe darauf hinaus, zu zeigen, daß das Erziehertum nicht lehrbar ist. Ich sammle an Daten für eine fundamentale Streitschrift: "Die Grundirrtümer der experimentellen Pädagogik"; Einzelheiten werde ich Ihnen erzählen.
Ich habe häufig einen so starken Drang, das, was mich im stilleren Stunden bewegt, in der Form des Essays oder der Betrachtung auszusprechen, und ich glaube, daß bei meiner zusammenhängenden Art des Denkens das andern mindestens so viel nützen könnte wie die Aphorismen von Münch und Matthias. Aber es müßte dann immer unter der Fülle des Eindrucks geschehen, und das erschiene mir wie eine Pflichtverletzung. Denn Sie glauben nicht, was ich bis Semesterbeginn noch zu arbeiten, d. h. auch innerlich zu verarbeiten habe.
Matthias hat durch Kerschensteiner mündliche Nachrichten über die Einzelheiten, die
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| den Münchner Vorschlag bedingt haben. Man weiß überall davon; mir ist es ungefähr so angenehm, wie einem Börsenpapier das Bewußtsein über pari zu stehen.
Ich treibe jetzt 1) Philosophie d. Neuplantonismus u. d. Renaissance.
2) Verhältnis v. Staat u. Kirche im 16. - 18. Jhrhdt.
3) Süvernsches Unterrichtsgesetz.
4) Humboldts Generalberichte.
5) Werturteile in d. Nationalökonomie.
6) Plan eines Reichsschulmuseums.
7) Recensionen.
8) Riehls 70. Geburtstag.
Dabei eine lästige Korrespondenez, die mir durch ihren Danaidenscharakter täglich verhaßter wird.
Nun habe ich noch von den häuslichen Angelegenheiten zu berichten, die diesmal eine Wendung überraschender Art gewonnen haben: Am 1. April kommt eine alte Bekannte zu uns ins Haus, ein Frl. Paula Kunzke (44 J.), die vor 25
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| Jahren bei mir Kindermädchen war, gerade als ich in die Schule kam. Sie schrieb, nach 10jähr. Schweigen, zufällig an uns. Mein Vater kam auf den Gedanken, daß sie ihre Hausschneiderei vielleicht aufgeben würde. Verhandlungen führten schnell zum Ziel. Über ihre Kochkünste etc. wissen wir nicht viel. Aber ihre Ergebenheit für uns, ja ihre Liebe zu mir steht außer allem Zweifel. Kleine Mehrkosten sind mit dieser "Wirtschafterin" natürlich verbunden. Zeitweise war einige Gefahr, daß sie mich aus dem Hause drängen würde, weil doch kein Schlafraum da ist. Nun aber ist bestimmt, daß ich bei mehrwöchentlicher Anwesenheit mein Zimmer wieder eingeräumt bekomme. Sie bringt mehrere Möbel mit, die wohl oder übel untergebracht werden müssen, und auch sie selbst ist im Laufe der Zeit voluminöser geworden.
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Viele Einzelheiten besprechen wir wohl in kaum 4 Wochen. Bei Riehls war ich öfter, auch bei Frau Paulsen (Grete ist geschieden) wiederholt auf dem Kirchhof. Ludwig nicht gesehen, mit Registrator eingeregnet, auf der Bibliothek viel alte Bekannte.
Das wären die Nachrichten vom äußeren Leben. Das innere steht immer etwas unter dem Druck der ordentlichen Professur und kann nicht viel freie Regung haben: war doch bisher noch kein Tag, an dem ich nach alter Art allein spazieren gehen konnte. Wie sehr ich mich danach sehne! Ich habe immer Schätze mitgebracht. Aber die Tage sind vorbei.
Pflegen Sie sich recht, damit Sie [über der Zeile] lateinisch: constans! widerstandsfähig sind, wenn ich Sie ärgere. Im übrigen habe ich dazu garnicht die Absicht und auch nicht die Fähigkeit. Ich
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| will sehen, mit meiner Arbeit weit voranzukommen, damit ich innerlich recht frei bin. Wollen Sie so gefällig sein, mich einstweilen in Leder binden zu lassen, so wundern Sie sich bitte nicht über spätere Dickfelligkeit.
Die "Verlorene Handschrift" habe ich in 4 Wochen glücklich geschafft. Jetzt soll sie mit Ihrer Erlaubnisn das rosenduftende Frl. R. bekommen, deren Anblick entbehren zu müssen für mich eine herzliche Osterfreude ist. Beschaffen Sie doch bitte für die Reise einen "Ekkehard".
Nun bitte ich Sie noch, die verehrte Tante vielmals zu grüßen und ihr unsre besten Ostergrüße zu übermitteln. Auch meine Osterwünsche sind in diesem Brief bereits enthalten. Denn die nächsten Tage sind mannigfach besetzt, nicht aber das Herz für ein herzliches Gedenken. In diesem bleibe ich Dein Bruder Eduard.