Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. März 1913 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 31. März 1913.
Mein Teures!
Ihre liebevolle Teilnahme tut mir, wie stets, unendlich wohl. Es tut mir leid, daß ich Ihnen damit Sorge bereite, aber wann soll ich davon sprechen? Kein Mensch außer Ihnen hat Verständnis dafür. Mein Zustand ist ebensosehr psychisch wie physisch. Ich habe so viel Nervenkraft verbraucht, daß mir alle innere Freude fehlt, meine Gefühle sind matt. Dies auch der Grund des seltenen Schreibens: eine seelische Erschöpfung. Immer dies Arbeiten an unvollkommenen Abhandlungen, und selbst nie frei zur inneren Sammlung, zum Aufnehmen und Schaffen, das ist es, was mich niederdrückt.
Aber noch mehr: ich fühle immer deutlicher, und ich kann doch nichts dafür, daß die Loslösung von der Schule mich sehr unglücklich
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| macht. Es ist, als müßte ich von einem ganz wesentlichen Stück meiner Seele scheiden. Ich kann darüber heute ruhiger reden: denn gestern hatte ich noch einen schönen Ausflug mit Frl. Th.,Frl. Tuchel, Borries, Baumgärtner, Stolzenhain. Sie wissen, wie schön das Wetter war. Wir saßen bis ½ 10 im Freien am Müggelsee, und ich fühle mich heute viel freier u. wohler. Sie werden mich töricht nennen: aber ich kann doch nicht dafür, daß die Berührung mit der Jugend für mich eine so metaphysische Bedeutung hat. Alle meine Werke wurzeln in diesem Grund. Wenn ich ihn ganz verliere, bleibt nur der unwahre, akademische Oberbau.
Und nun zur Vernunft: ich weiß, sie reden mir nicht zu zu etwas, was mir ganz gegen die Neigung ist. Ich habe mir alles wohl überlegt: ich weiß, daß ich durch das Sommersemester nur dann hindurch komme, wenn ich in den Ferien mit der Vorbereitung recht weit komme. Richtig wäre gewesen, gleich nach Ostern zu reisen. Aber wer konnte das Wetter voraussehen. Nun
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| habe ich mich nach Kräften bemüht, hier etwas zu schaffen: ich habe ja nicht einmal in Leipzig die Bücher, die ich dazu brauche, geschweige, daß ich sie mitnehmen kann auf Reisen. Aber es geht alles so langsam, weil ich eben erschöpft bin, und es ist so viel daneben, immer Pflichten für andere, an sich kein Arbeitsplatz hier für mich. Morgen geht die Camille u. der Umzug findet statt. Sobald ich merke, daß mein Arbeiten ganz erfolglos ist, reise ich ab. Andernfalls doch spätestens um 11. und bleibe bis zur letzten denkbaren Minute.
Daß ich über Ihr Mitreisen anders denken könnte, hätten Sie nicht sagen sollen. So etwas bedeutet immer, daß Ihr Vertrauen lückenhaft ist. Mir ist es ganz so, wie ich gesagt habe: ich möchte mit Ihnen reisen; nur wollen wir alle Einzelheiten von dem Befund an Ort u. Stelle abhängig machen; denn das Buch ist jammervoll und lehrt garnichts.
Meine Darmangelegenheit ist zwar sehr lästig, aber das soll nicht beunruhigen, weil ich immer glänzenden Appetit habe. Die Uzara Pastillen hatte ich ganz vergessen (so bin ich) u. werde sie gleich holen. Eine erneute Untersuchung scheue ich wegen der damit verbundenen Nervenaufregung. Sollte es nötig sein, so würde ich auf der Rückreise Ihren Onkel aufsuchen. Denn ich mag keinen unpersönlichen Arzt.
Mein liebes Kind, ich habe Ungeheures leisten u. arbeiten müssen und fühle mich oft so alt, als ob alles in der Welt schon fern hinter mir läge. Die Freude am Titel und Ehren sind genossen: es bleibt die tägliche Pflicht, deren Schwere kaum einer mir nachfühlt, und die ich nur trage, weil ich weiß, daß es für einen großen Zweck ist und daß es heute in Deutschland kein anderer so kann wie ich.
Daß Sie mir helfen werden, ist mir lieb. Vor allem wird es mit einigen Schreibereien in der Riehlschen Angelegenheit sein, die nun ganz auf mir liegt. - Das Süvernsche Gesetz ist gedruckt, die Einl. v. Thiele gut. Die Humboldt Korrekturen konnte ich nur z. T. erledigen. In der Renaissancephilosophie bin ich ganz stecken geblieben. Die Schulgesetzgebung zieht mich an u. wird mir klarer; aber ob mir die Studenten in einem 2stündigen Kolleg nicht fortlaufen werden, ist sehr die Frage.
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Am 1. Osterfeiertag u. am 2. habe ich wesentliche Grundlagen an dem Gutachten für Schmoller geschrieben: der Schluß aber, die Lösung, fehlt noch. Dann war ich am Dienstag in Klösterli, am Mittwoch bei Frau Paulsen, die Sie herzlich grüßen läßt. Seitdem bin ich so erschöpft: ich habe wohl zu wenig geschlafen u. zu viel gejagt.
Dieser Mangel an Freude ist das schlimme: ich stehe auch zu all meinen Freunden fast kühl, weil das Plus an geistiger Energie fehlt, das man abgeben könnte. Übrigens gegenseitig.
Ob wir diesen vorweggenommenen Sommer nicht büßen müssen? Hier sind (um ¾ 12) 23° in der Sonne.
Der gestrige Tage war schön und friedvoll. Eigentlich hört man garnichts von den Mädchen. Aber der Konnex ist noch da und dieses gesunde Empfinden, das den letzt Abgegangenen ganz fehlt. Zwischen L. Lüpke u. mir besteht eine Friktion.
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Ich hoffe, daß diese Zeilen Sie noch erreichen, um Sie nach Heidelberg zu begleiten. Auch ich fahre bald diese Strecke, meine ganze Sehnsucht eilt zu Ihnen. Sie wissen, ich brauche so viel Liebe, und ganz sicher, ganz heimatlich fühle ich mich nur bei Ihnen. Also auf die Reichenau! Sie erhalten Nachricht über meine Entschlüsse.
Glückliche Reise! Alle guten Wünsche. Der Tante noch einen herzlichen Gruß, wenn es geht!
Innig und dankbar
Dein
Eduard.