Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. April 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 25. April 1913.
Liebe Freundin!
Endlich komme ich dazu, meinen täglichen Gedanken auch schriftlichen Ausdruck zu geben. Die Erinnerung an die gemeinsam verlebten Tage strahlt in mir wie ein schöner Glanz, der den verfließenden Linien des Tages Klarheit und Festigkeit gibt. Mir ist, als ob wir innerlich kaum je so ganz miteinander und füreinander waren wie diesmal, und dies um so mehr, als die Aussprache über den vielberufenen Naturalismus mir eine Beruhigung gegeben hat, die ich vielleicht mehr brauchte, als Sie ahnten. Ich bin Ihrer Seele und Ihrer Gesinnung gewiß, wie Menschen es voneinander nur sein können; aber es ist begreiflich, daß ich auch für meinen philosophisch - religiösen Ausdruck bei Ihnen Verständnis hoffe. Ich habe Raum für fremde Standpunkte, aber ich möchte auch, daß meiner, der garnicht einfach auszurechnen
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| ist und den eigentlich niemand kennt, von einem andern wenigstens gefühlt und verstanden wird.
Und was das andre betrifft, so war ich da nur unruhig Ihretwegen. Es ist verständlich, daß der Vorstand wie die verehrte Tante, die bei aller Teilnahme doch nur von außen sehen können, Sie gegentlich in äußeren Dingen unsicher machen können. Eben diese Unsicherheit fürchte ich. Ich möchte, wie schon oft gesagt, daß Sie den Menschen mit dem Stolz entgegentreten, der Ihnen ziemt, und mit der überlegenen Abweisung, die dem Hohen gegenüber dem Kleinlichen eigen ist. Dann ist alles gut, und das Kleinstädtische reicht nicht an Sie heran. Das Auftauchen der "Willensmenschen" war mir nur deswegen störend, weil ein etwaiger kleinlicher Einbruch in das schöne Reich, in dem wir lebten, mir ein schmerzlicher Abschluß gewesen wäre. Wir waren und sind doch einmal auf einer Insel, und man läßt da nicht gerne jedermann hinauf.
Die tägliche Arbeit hat für uns beide begonnen. Sie werden nächste Woche hoffentlich
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| noch eine schöne Unterbrechung haben. Meine Arbeit hat in der gewohnten zersplitternden Weise eingesetzt. Zahllose Korrespondenz u. Prüfungssachen bedecken meinen Tisch; obwohl ich 3 Sprechstunden gehalten habe, klingelt es unaufhörlich. Die Studenten scheinen z. T. vor Pfingsten nicht kommen zu wollen. Die Anmeldungen zu m. Übungen halten sich in der gewünschten Grenze. In dem päd. Kolleg hatte ich ca 260 Hörer, im philosophischen 240. Das letztere habe ich mit einer ganz neuen Wendung über Philosophie überhaupt begonnen, die sichtlich Eindruck gemacht hat.
Morgen fahre ich nun über Halle, wo ich Vaihinger für die Ehre der in allen Zeitungen ausposaunten Preisrichterschaft danken muß, nach Berlin; bleibe dort von abends 9 bis Sonntag 3 Uhr 50.
Meine Übungen habe ich noch nicht beginnen können, weil der Druck noch nicht fertig ist. Der neue Famulus gibt sich sehr viel Mühe. Schröbler, der unübertreffliche, hat in 180 Arbeitsstunden 4 Foliobände Sachkatalog hergestellt, um mich
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| zu überraschen. Ich habe ihm 225 M angewiesen u. persönlich 40 dazugelegt. Halten Sie das für genug?
Frau Riehls bezeichnenden Brief lege ich bei. Jäger hat an der Fassung die (unverkennbaren) Reste des Fichtehauses auszusetzen, Lindau ist ganz einverstanden.
Am Mittwoch war schon eine Fakultätssitzung. 4 mündliche Examina liegen ebenfalls hinter mir. Ich bin, wie stets bei Semesteranfang, vom Frühaufstehen etwas müde und habe mir am Pleißestrand den Schnupfen geholt, der am Rhein nicht aufkommen wollte.
In Berlin ist großer Umzug u. allerhand Unruhe gewesen. Es scheint, daß ich die 200 M für die Wohnung loswerde, was mir um so weniger erfreulich ist, als ich hier 100 M unerwartete Extraausgaben habe und fast 1200 M Jahressteuern zahlen muß.
Meine Erzählung geht ein bißchen durcheinander, weil ich etwas müde bin und den Kopf von allerhand Kleinkram voll habe. Sie verzeihen doch?
Ich muß eine Diss. aus dem Brahnschen Institut lesen. Mein Gott, ist das ein langweiliges, stumpfsin
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|niges, weltenfernes Zeug. Was ist daran noch Philosophie?
Wie anders der Anfang meiner Vorlesung heut. Ich schildere die Philosophie als Streben nach Gesamterkenntnis, Erkenntnis als etwas Allgemeingültiges und Ewiges, daher das philosophische Bewußtsein als Begründung einer neuen höheren Lebensstufe im zufälligen u. begrenzten Ich. Das Material der Philosophie: Sinnenerfahrung u. Innenerfahrung; die letztere geteilt in das religiöse Erlebnis, das sittliche, das ästhetische. Demgemäß findet d. Phil. vor: das naive Weltbild, das religiöse Weltbild, die überlieferte Moral und das Schema des Kunstwerkes. Phil. will dies zur Wissenschaft erheben. Sie tut es zunächst als Metaphysik. Aber ihre volle Aufgabe erfaßt sie erst dann, wenn sie sich über dies ihr Spezifisches, nämlich die Tendenz zur Wissenschaft, klar wird, wenn sie das Denken selbst zum Gegenstand des Denkens, das Erkennen selbst zum Gegenstand des Erkennens macht. So wird sie Wissenschaftslehre in fruchtbarer Wechselwirkung mit allen Einzelwissenschaften. Nur gelingt es
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| der wissenschaftlichen Kritik noch nicht, alle jene Materialien zu resorbieren: Es bleibt das Religiöse, das Sittliche, das Ästhetische als der tragende Untergrund des Denkens und muß aus jeder historischen Philosophie vom Geschichtsschreiber herausgelöst werden. Beispiel: Der vorsichtigste aller Denker Descartes, der im universellen Zweifel zuerst bei der Gottesidee Halt findet.
So etwa.
Interessante Leute fehlen hier bisher ganz. Anscheinend sind die Ausländer fern geblieben. Kriegswirren ohne Ende.
Heute nachmittag will ich versuchen, Friedmann zu treffen.
Mein Vater u. Schröbler haben mich gebeten, Ihnen sehr viele Grüße zu bestellen.
Wenn ein stiller Augenblick kommt und ich in mich blicke, dann taucht da die Insel langgestreckt empor, und Ihre Gestalt und ein so tiefes großes Glücksgefühl, ein Sicherheitsgefühl, wie es doch keine Philosophie gibt. Denn ich bin und bleibe einsam
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| inmitten der Sachsen, so daß ich mich fast ärgerte, als via Brahn natürlich das Gerücht kam, Förster solle nach München.
Aber nun will ich das von unserem eifrigen u. beflissenen, obwohl noch sehr naiven Dienstgeistchen aufgetragene Sachsendiner verzehren, eingedenk des lecker bereiteten Mahles bei den Phäaken.
Mit ganzer Seele
Dein
Eduard.

Für die Reiseutensilien vielen Dank; übrigens brauche ich keinen Schwamm mehr, geschweige denn Seife.
[re. Rand, S.5] Was ist aus den Bildern geworden?
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Eben kommt Ihr Regal. Es paßt zwar nicht unter das Festerbrett (das selbst nur 4 cm vorspringt) reicht aber vor das Fensterbrett, so daß ein kleiner Fenstertisch entsteht, wie ich ihn sehr gut brauchen kann.