Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. April 1913 (Bahn Berlin/Leipzig), Postkarte


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Bahn Berlin - Leipzig 27.IV. 3.45. L.F! Mein Aufenthalt in B. stand nicht unter günstigem Zeichen. Zunächst Akklimatisation in C. Diesmal ganz besonders schwer: Schnupfen u. influenzig. In Halle unter V.ers wortreichen Einfluß wurde mir besser. Zu Hause starrte mich ein Fülle fremder Möbel störend an, unorganisch u. geschmacklos eingeordnet, alles Colorit zerstört, fremder Hauch. Um 10 heute in furchtbarer Hitze stehend bis Neubabelsberg. Dampfer. Riehl sehr überrascht u. sichtlich erfreut. Sprach ihn aber nur 20 Min. Dann begann ein schwieriges Gespräch mit Frau R, über 1 Stde. Bin dieser Situation nicht gewachsen. Sie erklärte, der Mangel an Freudigkeit bei allen enttäusche sie, die Auslassung des Fichtehauses sei ihr ein herber Schmerz; wenn sie einmal eine Stütze des Gemüts brauche,
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| sei niemand da." etc. Es fehle mir an Mitleben u. Mitempfinden. Trotzdem (kontraktlich) beiderseits keine Mißstimmung, sondern volles Vertrauen. Habe nie vor einer psych. so schweren Aufgabe gestanden. ¾ Std. Mittag zu Hause, jetzt wieder in der Bahn. Berlin wird mir fremd, L. ist mir verhaßt. nur R. gibt mir Kraft In treuem Gedenken Eduard.