Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Mai 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 9. Mai 1913. nach 10 Uhr.
Liebe Freundin!
Soeben habe ich meine ordnerische Tätigkeit vor Pfingsten beendet, ich kann wohl sagen: mit Mühe und Not den Hof erreichend. Es ist mir bitter schwer geworden, diesmal den Anforderungen an meine Arbeitskraft zu genügen, und wenn sich die Leistungsfähigkeit nicht hebt - unberechenbar war das ja stets - dann ist so viel sicher, daß ich die 11 Wochen nach Pfingsten nicht zu Ende führen kann. Ich hoffe nun in den paar freien Tagen - nicht mich auszuruhen, aber mir ein paar Steine, nämlich Arbeiten, von der Seele zu wälzen, um später besser verteilen zu können.
Wie soll man da aber auch durchkommen! 3 Mittwoche bin ich hier, und jeden Mittwoch war Fakultätssitzung; die Sprechstunden dauern oft 2 Stunden, man stürmt mir brieflich und persönlich das Haus.
Der ideelle Erfolg ist gewiß wieder sehr stark. Aber der subjektive ganz gering: Denn ich werde
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| viel zu sehr ausgepreßt, um noch irgend eine Freude an den mühsam errungenen Erfolgen zu haben. Wenn man sieht, daß ich trotz allem noch zeitweise spazierengehe oder im Kaffee sitze, könnte man das für übertrieben halten. Aber man muß bedenken, daß mein Tag 16 Stunden hat, und daß ich jeden Tag eine Fülle von neuen Stoffen formen und gestalten muß, so daß die Seele niemals frei ist.
Nachdem ich so mein Elend geschildert, lassen Sie mich zu dem Gedenken freierer Tage am Bodensee und in Heidelberg zurückkehren. Auch darüber liegt der graue Schleier, den der übermüdete Schädel über allem findet. Aber ich habe ihn und weiß, daß mir jemand hilft, wenn es einmal nicht mehr geht. Auf die Ansichtskarte habe ich mit einer gewissen Eifersucht gewartet. Ihr Glück, daß sie kam! Wie wollten Sie denn überhaupt reisen, wenn ich Ihnen nicht alle ordentlichen Kneipen gezeigt hätte? Und wenn es schön war, dann freut es mich, wie ich jedem gönne, an schönerem Orte
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| zu sein, als in Leipzig mit seinem mörderischen Klima. Was Sie sonst in diesen Tagen innerlich erlebt und gewonnen haben, hoffe ich noch zu hören. Die "bildliche" Ausdrucksweise war zuletzt etwas spärlich.
Also die Bilder! Ja, für einen nicht intimen Kreis ist mir Nr. I publikationsfähig; und da der intime Kreis mit uns beiden erschöpft ist, so brauchen wir eigentlich nur Nr. I. denn Nr. II zeigt einen betrübenden Anflug von Maulsperre, und Nr. III kann ich nicht brauchen, weil ich nicht Deutsch an Mädchenschulen mehr gebe, also auch kein Gegenbeispiel zum Laokoon brauche. Es ist an sich ganz unwahrscheinlich, daß ein Mensch so lacht. Und ich lache auch nur über Ihre Torheit, daß Sie über den Zwiebusch so lachen konnten, wo doch Zwiebusch ein Dampferausflug bei Berlin ist und kein Tüncher.
Von Nr. I also - blaß und reserviert - erbitte ich so viel Exemplare, wie Ihre Mildtätigkeit und die Potenz der Platte hergibt.
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| Von Nr. II vielleicht 2. Der Hintergrund aber ist mir nicht sympathisch; er sieht zu sehr nach dem Regenmantel eines Engländers aus.
Ich verlebe Pfingsten ganz still. Friedmann ist der einzige Freund hier; und Frau Rohn die einzige, die stärker an mir Anteil nimmt. Die andern sind "freundlich". Am wohlsten fühle ich mich immer noch in den paar Minuten bei Wundts. Sie sind 3 Stunden vor mir von Heidelberg abgereist. Vielleicht fahre ich einmal nach Torgau. Am Freitag Abend (bis Montag früh) reise ich vielleicht nach Berlin; doch muß ich meiner Gesundheit wegen auf einen Besuch bei Riehls verzichten. Geht dies nicht, so fahre ich übhpt nicht. Sie begreifen, daß diese psychische Verwicklung bei aller grenzenlosen Verehrung meine Seele etwas verdüstert. Ich habe nicht so viel tiefe Beziehungen, daß ich diese verlieren könte, ohne Schmerz. Ich fürchte dies auch nicht, aber es ist sehr viel Gewölk vor den Gestirnen. S. Beilage.
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Weiter in der Litanei. Ich weiß nicht, ob es an mir liegt - aber ich bin seit meiner Rückkehr hier im Hause eigentlich noch nicht satt geworden. In den letzten Tagen habe ich [über der Zeile] täglich zweimal "Hermersdorf" aufgesucht. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie noch einmal kalkulieren wollten, ob man für 3,30 M täglich ausreichende Verpflegung verlangen kann. 1) 2 kl. Tassen Caccao ohne Milch u. 2 Hörnchen mit Butter. 2) 3 Klappstullen mit je 1 Scheibe Belag. 3) 1 Gang Fleisch (2 mal Rindfleisch ausgekocht in d. Woche), nicht immer mit Suppe, doch meist Kompott, Gemüse oder Kunstspeise. 4) 1 [über der Zeile] kl. Tasse Kaffee schwarz. 5) 5 Klappstullen wie oben *) [li. Rand] *) In 14 Tagen fällt 2 x Mittag u. 1 x Abendbrot aus. - Die alte Dame hat häufig sklerotische Anfälle; ich empfinde mich als störend. Um einen eigenen Haushalt zu begründen, brauche ich zu viel für Charlottenburg. Die Stralauer Wohnung ist vermietet, hoffentlich fest. Doch hat die Sache immerhin noch 60 M, der ganze Wechsel 100 M gekostet.
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Aber ich rede so viel von mir. Um so herzlicher denke ich an Sie und bitte Sie um ebenso ausführliche Nachrichten. Heut aber bin ich zu weiterem zu müde. Deshalb schließe ich mit herzlichsten Pfingstwünschen. Wir wollen zusammen feiern im Geist, wie stets.
Alles Gute wünschend
in treuer Liebe
Dein
Eduard.