Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Mai 1913 (Bahn Plaue/Ilmenau)


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Auf der Fahrt Plaue-Ilmenau. 12 V. 1913.
Nur drei Jahre dazwischen, die Natur dieselbe, unsre Herzen dieselben. Was hat sich gewandelt? Nur die Stellung der Menschen zu uns. Damals der verzweifelte Kampf u. die einsame Sorge um das Äußerliche. Heute anerkannt, auf dem Gipfel, bemüht, durch das Opfer kurzer Ferien neue Kraft für wichtige Aufgaben zu gewinnen.
Und doch: damals so glücklich auch auf dieser Insel mit Dir. Heute allein u. voll Sehnsucht. Aber nicht schmerzlich. Sondern erfüllt von
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| diesem wunderbaren Lebensreichtum, der mir in Dir aufgegangen ist. Jeder Kirchturm der bedeutungslosen Natur erzählt von diesem Inhalt. Ich werde an all den Orten vorbeifahren. Ist es denkbar, daß das kleinste Geschehnis von damals minder real wäre als diese Stunde?
Und was ist dagegen die Natur, die meinem mächtigen Willen immer wieder kleinliche Hindernisse in den Weg wirft? Warum hat sie, wenn sie Nerven schuf, sie nicht so geschaffen, daß Sie einen Geist aushalten können?
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Elgersburg taucht auf. Weißt Du noch, wie wir den letzten Tag vom Mönchhof kamen, den gewundenen Weg, u. die Ebene sahen? Damals fürchtete ich mich vor Ebene u. Heimkehr. Ich hatte ja kein Heim als bei Dir. Und so ist es auch heut noch. Wer pflegt den empfindlichen u. liebebedürftigen Menschen in mir? Niemand [über der Zeile] sonst. Das Pfingstfest ist ohne einen Ton aus dem alten Kreise vorübergegangen. Wann wird Euch wieder ein Mensch begegnen, der so das allgemeine Leben lebte, nicht nur seins?
Aber ich gehe über diesen Schmerz
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| hinaus, indem ich meine Sehnsucht nach Beständigkeit bei Dir berge.
Wie waren wir offen für das Kleine u. Große! Wir halten in Elgersburg. - Der Kirschkuchen! Wohl uns, daß es ein wirklicher Kirschkuchen war. Manche wollen nur etwas derart u. nennen es Fichtehaus. Als wenn da die Not der Menschen läge. Ich bin dieser Sache so überdrüssig!
Wir fahren ab nach Ilmenau. Der Regen beginnt!! - Von dem Wege, den wir gingen, fallen jetzt späte Sonnenstrahlen in die Bahn. Hier verliefen wir uns. - Roda! das Wasser steht in den Straßen.
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| Über d. Straße nach Gräfenau die Seen.
Bahnhof. Wenig Verkehr. Über die Waldstraße. Mir ist, als müßtest Du am Bhf Bad stehen. Nun fahren wir unter der Prelterpromenade nach Manebach. - Endlich finde ich unsre Mühle; sie sieht v. d. Bahn ganz anders aus.
Ob die Idee schlau war? Es wird allmählich kalt, die Bäume sind so weit wie vor 4 Wochen am Bodensee. Die Sonne steht am Himmel, aber es tröpfelt, u. die Straßen sind Breitenbachartig. Nur mein
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| Kopf fühlt sich schon leichter.
Stützerbach. Unser Bahnhofshôtel zeigt auch keinen Gast auf der Terrasse. Sie sehen, je höher ich komme, desto flacher werden m. Betrachtungen. Es ist aber inzwischen im Wagen voll geworden, u. nachher im Pferdewagen wird es noch mehr stuckern. Ob Sie das wohl ahnen werden, daß ich jetzt, am 2. Pfingstfeiertag ½ 6, auf dem Rennsteig bin.