Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Mai 1913 (Stutenhaus, Thüringen)


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Stutenhaus (Thüringen) am 13. Mai 1913.
Liebe Freundin!
Sie können sich nicht ausmalen, wie meine Seele von Sehnsucht nach Ihnen voll ist. Ich bin es gar nicht mehr gewöhnt, ohne Sie zu reisen, und alle meine Gedanken drängen zu Ihnen hin, besonders hier, in der uns beiden liebgewordenen Gegend. Ein kleines Reisetagebuch gibt Ihnen davon Zeugnis. Als ich heut Nachmittag abseits von der Straße im Walde umherstreifte, tat sich mir plötzlich ein Blick weit in die Ferne auf, und über allen Höhen die Stelle des Rennsteiges, wo er ganz kahl ist. Da dachte ich daran, wie wir vor 3 Jahren auf dieser Höhe gewandelt sind, und fühlte mich sehr, sehr allein. Überhaupt ist in solcher Einsamkeit mein Blick in mein Inneres immer ein trüber und schwerer. Vielleicht, daß es mit zunehmenden Kräften etwas besser wird; aber dies metaphysische Grauen ist furchtbar. Finden Sie es nicht ganz konsequent meiner Gesamtauffassung, daß mich die Natur nur heiter stimmt, wenn ich selbst heiter bin?
Aber es gibt auch Stunden, wie heute morgen, wo es besser ist. Und im ganzen war dieser Gewaltschritt doch ganz richtig. Die Gegend im frühen Frühlingsgrün - ich sehe ihn nun den Frühling dies Jahr zum 3. Mal - ist lieblich und friedlich. Die Temperatur draußen und drin erträglich; geregnet hat es heute nicht. Was nicht Natur ist, verdient weniger Lob. Es ist zwar alles passabel, aber man muß nicht vorher gerade auf der Reichenau gewesen sein und für 4 M statt 8 M bessere Qualität u. mehr Gastfreundschaft erlebt haben. Der Großnepper, den wir schon damals sahen, resp. dem wir in die Hände fielen, treibt auch
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| bei mir sein Geschäft kräftig. Im ersten Moment war ich darüber etwas verstimmt; aber ich habe mir fest vorgenommen, das alles, quasi als Doktorrechnung, ruhig zu tragen. Denn die Luft tut mir von der 1. Minute an gut, wie denn überhaupt der ganze plötzliche Kollaps m. E. eine direkte Folge des Leipziger Klimas ist, über das gottlob niemand mehr schimpfen soll, als unser Ministerialdecernent.
Geistig bin ich hier doch nicht unregsam. Ich habe in 24 Stunden schon 2½ Staatsarbeiten gelesen u. dies ist der 6. Brief. Wenn Sie das für zu viel halten, so erkläre ich, daß dagegen eben kein Kraut gewachsen ist, wenn ich nicht Urlaub nehmen will. Genug, wenn ich für die Vorlesungen in den Ferien nichts tun kann. Heute früh im Wald strömten alle meine Ideen wieder einmal zusammen zu einem Gedankengang, der an prinzipieller Bedeutung noch die "Grenzen der Seele" übertrifft. Hoffentlich kann ich ihn noch hier niederschreiben. Ist es nicht doch tragisch, daß ich statt dessen verpflichtet bin, unreife Arbeiten zu korrigieren (10 sind im Koffer, für jeden Tag 2.)
Sollten Sie meine Karte aus Plaue nicht erhalten haben, bitte ich Sie noch einmal, mir in einem eingeschriebenen Brief 30 M zu schicken. Ich konnte nicht mehr nach der Bank und reise mit 90 M, die Friedmann mir gepumpt hat. Hübsch, nicht wahr? - Übrigens Torgau war sehr hübsch; nicht nur die deutsche Renaissance, sondern auch Friedmann, der in einigen Zügen mir den Registrator ersetzt.
Damit auch die Tagesneuigkeit nicht fehle: es hat sich herausgestellt, daß Frau Bassermann unmittelbar neben mir wohnt. Sie soll mit ihrer Tochter ein sehr großes Haus führen, in einem Stil, den Sie wohl auch nicht mögen werden.
Den Brief v. Jäger über Riehl habe ich neulich beizulegen vergessen. Seitdem habe ich ausführliche Nachricht von ihr. Aus dem Fichtehaus ist unter Assistenz v. Wilamowitz ein "Dozentenhaus" geworden. Ich kann Frau Riehl nicht beistimmen, daß die ausgeworfenen 1 100000 M einem sehr notwendigen Zweck zufließen; freue mich aber, daß Sie Freude hat, obwohl ich fürchte, daß die Aus<li. Rand>führung noch fern liegt. - Ich bleibe, wenn alles gut geht, bis Sonntag früh hier; abends wieder in Leipzig. Ich hätte bis dahin gern täglich eine Zeile von Ihnen. Von den Maiglöckchen habe ich mich <re. Rand> sehr ungern getrennt. Sie dufteten so herrlich u. waren ganz frisch. Hier blüht d. ganze Wald v. Veilchen. Ich widme Ihnen jedes schöne, bin aber im Ver<Kopf>packen so unpraktisch, daß es nur im Geiste geschehen kann. Innig Dein Bruder.