Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Mai 1913 (Stutenhaus bei Schmiedefeld)


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Stutenhaus, den 16. Mai 1913
Liebe Freundin!
Nun bin ich wirklich in diesem Raum trotz des Großneppers der einzige Gast, und auch in die Terrasse hat er nur ganz wenige Vögel eingefangen. Gestern saß neben mir wenigstens noch unsre Glanznummer, der Unterstaatssekretär. Wir unterhielten uns sehr innerlich, keiner sprach mit dem andren, aber man hörte doch gegenseitig seine Magen knurren.
Trotzdem ist es hier oben herrlich, wenn man nur auf kurze Zeit Ruhe pflegen will. Eine tiefe Stille der Wälder, herrliche Fernsichten, Gesamtlage wie der Hermersberger, aber doch unendlich viel schöner u. lohnender. Jeden Tag entdecke ich, das Aktenbündel in der Hand, neue Ruheplätze; die Sonne scheint unablässig, aber der Wind ist stark. Und vor meinem Fenster singt ein politischer Vogel, der wahrscheinlich mehr Zeitung liest als ich: "Hihihihihihi - Tschatalischa!!" Ich aber habe nur wenig Kunde aus der Welt. Eine große Freude war mir ein 4 Seiten langer eigenhändiger Brief von Wundt, worin er u. a. sagt, nach meiner Rückkehr wollen wir über m. Entlastung reden. Und ewig werde ich mich über das Schema freuen, das er darin gezeichnet hat:
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philosophisch-historisch-soziologische Fakultät
HistorikerPhilosophen           Soziologen
(Kampfgruppe)(Friedensgruppe)         (Kampfgruppe)
Seeliger- Brandenburg contra
Lamprecht
        Stieda gegen Bücher
Ihren lieben Brief heut habe ich mit in den Wald genommen. Sie dürfen doch nicht glauben, daß Ehrgeiz des Übels Wurzel ist. Vielmehr Pflicht u. Verantwortungsbewußtsein. Der Ehrgeiz läßt kaum noch etwas zu wünschen. Mußte ich doch mit der päd. Vorlesung wieder ins Maximum umziehen. Aber diese sinnlosen schriftl. u. mündl. Examina, die die Maß übersteigen, lähmen jede Freude u. Kraft. Denken Sie doch an meinen Vorgänger. Der wäre gewiß gern noch da ohne dies.
Sonntag Abend will ich wieder in Leipzig sein. Dienstag beginnen Vorlesungen u. Examina. Dann werden die Nachrichten leider wieder seltener. Vielleicht kommt Friedmann morgen noch herauf. Ich lebe mich sehr in ihn ein. Er hat hinter dem großen Mund etwas Edles und Liebevolles; ein zweiter Registrator, aber voll Geist.
Beiliegende Skizze ist nicht ganz das geworden, was sie sollte, weil sie nicht im Moment der Konzeption niedergeschrieben wurde. Sie setzt die "Grenzen der Seele" voraus, die Anschauung nämlich, daß hinter dem Ich ein reicheres u. reineres Lebensbewußtsein sich versteckt. Und dies ist dann schließlich meine Humanitätsidee.
Gute Nacht! Dein Euard.