Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Mai 1913 (Stutenhaus bei Schmiedefeld, 2 Postkarten)


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17. Mai.  Auf d. Aussichtsbank zw. Stutenhaus u. Rennsteig, bei Gewitter.   L.F! In Ihrem heutigen l. Schreiben fällt mir auf, was Sie über die Schwerverständlichkeit m. philos. Standpunktes sagen. Ich fühle dies wohl, u. will Ihnen daher das Wichtigste zur Erklärung sagen. I. Sie erinnern sich, was ich Ihnen in Reichenau sagte über die Aufgabe d. Philos., sich selbst auszusprechen. Dies ist gleichsam s. Zeitfunktion. Die Grundverfassung unsres Bewußtseins ist nicht etwas, was wir uns geben können, sondern ist vor aller Philosophie da als Produkt zahlloser teils geglückter, teils mißlungener Bemühungen. So ist auch m. Standpunkt modern, nicht zurückführbar auf einen früheren Typus, sondern zunächst Positivismus (d. h. immanente Einzelwiss. als Erkenntnisform.) II. Wenn ich in vielen Fragen skeptisch-negativ erschien, so liegt das an einem positiven Satz, nämlich daß die Mitte, resp. das Leben, nicht schlichtweg in wissenschaftl. Begriffe auflösbar ist. (Dies die Ergänznung zu jenem Positivism. sub I.) Wiss. ist eine Funktion im u. am Leben, nicht aber das Leben selbst (das wäre Hegels Panlogismus.) Gewonnen ist diese Einsicht m. d. Geisteswissensch. Hier ist der Begriff n. stellvertretend für die Sache, sondern nur eine Anweisung. Die Sache sich zu erzeugen, ein technischer Träger für das Verstehen. Ein Beispiel macht die Sache klar: Philosophen alten Stiles fragen: ist <li. Rand> der Mensch frei oder unfrei. Wir sagen: Keiner von beiden Begriffen deutet
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| den Tatbestand; beide sind nur Abbreviatur. Der Tatbestand ist eine Sache sui generis, d. h. mit Naturvorgängen nur entfernt vergleichbar. Es gibt Erlebenskomplexe, in denen wir uns frei fühlen, u. solche, wo nicht. Die unverfälschte Sache haben wir nur im möglichst konkreten, anschaulichen Nacherleben. Wer aber v. d. Angeklagten X sagt, er sei frei, der schematisiert in einer auch wissenschaftlich betrachtet groben Weise. III. Die Folgerung daraus ist nun ganz einfach die: Eine Aufgabe ist die Geisteswissenschaft: die möglichst brauchbare Begriffes schaffen will. Die andere Aufgabe
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| entgegengesetzt: Geistesführung: Man darf nicht glauben, im Begriff die Sache zu besitzen, sondern muß nach möglichst umfassender Anschauung des Lebens streben, nach Erweiterung des Verständnisses, nach Vielseitigkeit, im Gegensatz zur Einseitigkeit der - ismen. Dies meine Humanitätsidee: Erweiterung des Lebensbewußtseins. Geschichte, Kunst, Daseinserfahrung als Mittel. Dies ist natürlich für jeden einzelnen eine konkrete Aufgabe. Hier wird die Philosophie eben individuell, gerade weil sie universell werden will. (Mikrok. Makrok.) Ich glaube, das ist jetzt in seiner
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| Grundtendenz alles klar. Es ist Ablehnung des Rationalismus (Leben = Wissenschaft), aber auch kein Irrationalismus, weil eben Wissenschaft in d. Lebensbewußtsein aufgenommen wird u. werden muß.
Forts. an der Gottesackerbank (ein Glanzpunkt. - Die Sendung von Ende Februar ist aufgefressen. Ihre Reklamation kommt zu spät. Mehr weiß ich davon nicht. - Befinden: die ersten 2 Tage brilliant. Am 3. habe ich mir einen Schnupfen geholt v. einer Güte, wie ich ihn lange nicht gehabt habe. Heute ist er in voller Blüte. So hat wenigstens das Frösteln aufgehört. Aber der Kopf benommen u. die gute Luft kann kaum rein. Vielleicht ist es gut, daß es herauskam. Schon am 26.IV. steckte es in mir, ohne sich zu entwickeln. - Der neue Pakt ist höflich, aber nicht freundschaftlich. Wissen Sie nicht mehrmeinen Wahlspruch: Streng gegen sich selbst, grob gegen andre? - Friedm. ist nicht gekommen. Morgen (Sonntag) 2 Uhr 30 ab Schmiedefeld. Ob es nun bis 1.VIII. reicht? Schwer wird es. Hzlichst E.