Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Mai 1913 (Stutenhaus bei Schmiedefeld)


Stutenhaus, 17. Mai 1913.
am Abend vor der Abreise.
Kein Laut ringsum! ganz einsam! Ganz nur Du!
Welch glücklich wehmutvolles Wiederfinden!
Bist Du es wirklich, dem in sel'ger Ruh
Die alten Bilder kommen jetzt und schwinden?
Hast Du dies Wechselspiel in Deiner Brust
Mit tiefem Anteil innerlich erfahren,
Und doch derselbe? Doch nach Schmerz und Lust
Kein andrer als vor langen, langen Jahren?
Wie mancher sank von denen, die Dir lieb
In dunkle Nacht, wie mancher ist verklungen!
Von all dem Reichtum, all dem Leben blieb
Nur dieses Wirrsal von Erinnerungen?
Und sie, die Dir das Leben selbst verlieh,
Sie ist nur noch ein Krampf in Deinem Herzen
Gibt sie dir nur zur Seelenliturgie
Der Abenddämmrung stille Altarkerzen?
O nein! Sie lebt. Des Waldes Rauschen birgt
Der Vögel Sang ihr mütterliches Wort;
In einem tief geliebten Herzen wirkt
Dies Heiligste von meinem Schicksal fort.