Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Mai 1913 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 21. Mai 1913. spät.
Liebes Kind!
Zu einem Brief bin ich zu müde; es wird nur eine pragmatische Nachricht. Aber Gottlob eine gute. Denn die letzten Tage habe ich wieder in manchen Besorgnissen geschwebt. Aus Thüringen habe ich mir eine schwere Erkältung mitgebracht, nicht nur Schnupfen, sondern Bronchien und Schmerzen auf der Brust, so daß ich allerhand Schwarzes sah. Meine Stimme war das Gekrächz eines Raben, ich hatte wohl auch etwas Fieber. Aber heut Abend ist das, schneller als gehofft, fortgeblasen, vielleicht das Verdienst der Frau Stolze, die mir mit Rotwein zu gurgeln empfahl. Ich habe ihn stattdessen getrunken, und siehe da, es war meine Art. Heute sind Kopf, Nase u. Hals frei. Natürlich bin ich müde u. schlafsüchtig u. kann kaum noch schreiben. Aber die Be
[2]
|sorgnisse u. die begreiflichen Anklänge von 1910 sind vorüber.
Die Vorlesungen habe ich infolgedessen auch nicht aufgenommen wie einer, der das liebliche Fest in dulci jubilo verlebt hat. Aber die beiden ersten gelangen mir meisterhaft. Auch erfreuten mich liebe Briefe, von denen ich noch nicht weiß, ob ich sie diesmal beilegen kann, weil sie noch nicht beantwortet sind.
Irgend etwas Nahrhaftes ist mir jetzt immer willkommen. Ich habe zwar hier bessere Tage, weil man etwas Unmut wohl gefühlt hat. Aber die Damen Stolze sind selbst krank u. Rücksicht geboten. Sanatogen möchte ich jedenfalls vor Mitte Juni nicht nehmen. Es muß noch Reserve bleiben.
Den Nic. v. Cusa schicke ich bald. Die Arbeit setzt ungeheuer wieder ein. Es fehlt z. Z. an tüchtigen Schülern, das Seminar ist fremd und die Räume auffallend leer. Das Weiberstudium zeigt mir unerfreuliche Seiten, so daß ich möglicherweise wegen Toiletten und Flirt im Seminar einschreiten werde. Dessoir (Pfui Deubelchen) hatte ganz recht. Für heute jedenfalls Schluß; wenn ich morgen nichts hinzufügen kann, geht dieser Brief als Karte ab.
Herzlichst
Dein
Eduard.

[] Ihre lieben Briefe nach dem Stutenhaus habe ich dort alle bekommen. Herzlichen Dank!