Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Juni 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 2. Juni 1913.
Liebe Freundin!
"Und denket mein so warm als ich
Für dies Packet Euch danke!"
Denn wenn ich Ihnen heut nicht warm danken wollte, würde sich nie wieder die geeignete Temperatur dafür finden. Und es geschieht schon vormittags, weil ich Abends meist betrunken bin. Vorgestern war ich mit einer jüdischen Docentenkolonie von ½ 6 - 12 in der Ausstellung, eine ganz ergiebige Bierreise, gestern war (erst trockene Kuratoriumssitzung der Frauenhochschule) dann nasses Diner bei Biermanns. Heute Abend genieße ich die Ehre, als neues Mitglied der Paeonia, eines über 100 Jahre bestehenden Professorenvereins, zum ersten Mal zu fungieren. Beweis, werden Sie sagen, für viel freie Zeit. Beweis aber vielmehr für rationelle (Fußbekleidung)
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| Zeiteinteilung. Ich lasse jetzt liegen, was liegen will. Denn noch 2 dicke Monate kommen. Die Wärme bekommt mir diesmal besser, weil ich wohl wieder bei etwas Blutmangel angelangt war.
Wir möchten gern die Weisheit Salomons aus Heidelberg in unsre Fakultät haben.
Ihre mir freundlichst übersandten Fressalien kommen meinem Appetit erfreulich entgegen; die 3 schönen Krawatten meinem ästhetischen Bedürfnis. Die Himmelblaue hebe ich zum Kaiserjubiläum auf. Zum Umarbeiten lege ich keine bei, denn die meisten trage ich so ab, daß daran kaum etwas zu retten ist. Außerdem kann die Sache bis zum Sommer bleiben; ich habe jetzt einen großen Vorrat.
Den Nicolaus v. Cusa bitte ich von ein paar Bleistiftstrichen auf den ersten 130 Seiten zu reinigen u. bei dieser Gelegenheit S. 61 - 66 ca zu lesen. Herzlichen
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| Dank Ihnen u. Herrn Dr. Runge. Die Verlorene Handschrift füge ich ebenfalls bei. Ich habe sie mit mehr Genuß gelesen als den Ekkehard, der mir sozusagen künstlerisch, stilistisch wenig zusagt; ich lese ihn aber in homöopathischen Dosen. Um das Inhaltsverzeichnis zu vervollständigen: ich lege auch mit herzlichem Dank die beiden Scheine wieder bei, mit denen Sie mich auf dem Stutenhaus unterstützt haben.
Über meine Bilder habe ich mich recht gefreut. Das fahlgraue Kalbsgesicht verrät den reifen Bösewicht. Ich darf doch über diese verfügen? Die Reichenau möchte ich einrahmen lassen. Bitte schreiben Sie mir sofort, welche Farbe für den Rahmen passen könnte.
Hier ist große Sorge um Köster, der Erichs Nachfolger werden soll. Im Abgeordnetenhaus hat Eickhoff sich über die Nichtbesetzung der päd. Professur in Berlin beschwert. Manch
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|mal sind hier Arbeitskarten, bei denen ich am liebsten fortginge. Jetzt sind 2 Wochen Pädagogenexamina, drei Sitzungen für Frauenhochschule in 8 Tagen, 2 Fakultätssitzungen! Ich schwänze aber, was ich kann und werde, wenn irgend möglich, Sonnabend u. Sonntag nach Berlin fahren.
Das Kolleg über Schulgesetzgebung wird wider Erwarten ganz interessant. Durch die neue Fragestellung entdecke ich allerhand Neues. Die Philosophie schleppt etwas nebenher, weil ich nicht viel dafür lesen kann.
Meine Entlastung hat sehr verschiedene Haken. Wundt sehr warm dafür; aber ich muß die Sache mit Ihnen schriftlich oder mündlich beraten, ehe ich eine Dummheit mache u. das Kind mit dem Bade ausschütte.
Jetzt kommen noch einige Aufträge für Sie. Beginnen Sie schon immer, sich zu orientieren, wo wir im August zweckmäßig hingehen. Folgende Anhaltspunkte will ich
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| Ihnen dafür erteilen:
Sollte ich sehr erschöpft u. quasi am Ende sein, so wäre vielleicht das Klügste eine bescheidene Wiederholung von Freudenstadt mit Annex in Reichenau. Andernfalls wäre etwas Neues, abseits der großen Verkehrsstraße, angenehm. Z. B. Oberbayern oder Anfang v. Tirol, nicht unter 900; aber nahe der Bahn. Hat Walzenhausen, resp. Heiden Wald? Sonst sehr zu empfehlen. Wie denken Sie ev. über See? nicht Nordsee, sondern mit Berg- u. Waldufer? Rügen, Bornholm?? Sie müssen so gut sein, da etwas vorzubereiten.
Wenn ich mit den Fressalien fertig bin, werde ich um neue bitten.
Mein Onkel Ernst ist mit seiner Wirtschafterin auf Wilhelmshöhe für 1 - 2 Monate. Von Berlin lauten die Nachrichten
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| so weit günstig. Die Angelegenheit Riehl kommt in aussichtsreiche u. ruhigere Bahnen. Ich merke aber daran, was ich für ein Associationsmensch bin. Ich habe gar kein Verlangen nach einem philosophischen Abend; meine Nerven sind durch diese Angelegenheit zu sehr agitiert worden.
Jetzt muß ich Descartes arbeiten. Ihre Cigarrenspitze geht vorzüglich in m. Mund! Herzlichen Dank für alles.
In Liebe wie stets
Dein
Eduard.