Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Juni 1913


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15.VI.13
Liebe Freundin!
Ich danke Ihnen herzlichst für Ihren lieben großen Brief, der mich an Ihrem Leben teilnehmen ließ, und für die weiteren Bilder, deren Verwendung ich Ihnen ein ander Mal mitteilen werde. Denn heute wird mein Schreiben nur kurz werden, damit Sie nicht ganz ohne Nachrichten bleiben.
Getreu unsrer Abmachung muß ich Ihnen zunächst gestehen, daß es mir von Dienstag bis Freitag so schlecht gegangen ist, wie lange nicht. Es war ein schlimmerer Nervenkollaps, als ich ihn hier je gehabt habe, besonders da er sich auf den Kopf warf und mich arbeitsunfähig machte. Ich hoffe aber, daß es sich um einen akuten Anfall handelt. 3 freie Tage kommen mir sehr zu gute.
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| Ich tue alles, was irgend geschehen kann, nehme Sanatogen und Chinawein, schlafe viel und lasse die Arbeit zurück. In der Tat geht es schon etwas besser, u. alles kommt doch darauf an, daß das Semester keine Unterbrechung erfährt. Aber ich will davon nicht reden, und ich möchte darüber auch nicht viel hören; denn daß es andern noch schlimmer geht, beweist Ihnen der beiliegende Brief.
Er ist der eigentliche äußere Anlaß meines Schreibens. Ich habe zwar schon geantwortet. Aber Sie würden mir einen besonderen Liebesdienst erweisen, wenn Sie Ende dieser Woche einmal, in unserm Namen, nach dem Ergehen fragten. Daß Teilnehmen wohltut, beweist der Brief. Sie fahren bis zur Rheinstation, gleich hinter dem Dom [über der Zeile] Museum ist die Marxstr, dort auf der linken Seite ein kl. Haus, 1. stöckig mit 4 Fenstern, Tür in der Mitte.
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| Es liegt mir wirklich sehr viel daran, und für Sie ist es - hoffentlich - nicht viel anders als eine Fahrt nach Neckarsteinach.
Sonnabend 7 bis Sonntag 7 war ich in Berlin. Meinem Vater ging es dem Alter entsprechend erfreulich. Die Pflege scheint recht gut (obwohl ich eigentlich kein Lob, sondern nur Ausstellungen gehört habe) Reinlichkeit aber ist eingezogen, freundliches Wesen u. gute Küche. Ich sah den kl. Scholz, die ganze Familie Scholz (einschl. Helene, über die einmal mündlich) und den Registrator. - Die Wohnung in Stralau ist infolge schlechter Geschäftsführung nicht vermietet; der Spaß kostet also tatsächlich 200 M.
Sie gehören zu der hochmütigen Sorte von Gläubigern, die, wenn sie einem 40 M geborgt haben und sie ordnungsmäßig zurückerhalten, den Empfang nicht einmal bestätigen. Ich bitte darum, daß auf eingeschriebene Briefe eine Quittung erfolgt, wie das auch meine Art ist.
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| Zur Vermehrung meiner Unruhe diente es, daß ½ Tag vor m. Abreise Wundt mich zum Sonntag einlud, da auch Riehls erwartet wurden. So fuhren wir aneinander vorüber. Es ist merkwürdig, wie dieses früher so schöne Verhältnis ohne eine Schuld von beiden Seiten jetzt immer zu unglücklichen Begegnungen führt. Für mich ist ein Brief dieser Herkunft immer ein Nervenalarm.
Es gibt auch sonst mancherlei Neues, aber nichts von Belang. Heut Mittag bin ich bei Frau Rohn, Morgen 11 Uhr akad. Festakt, Abends Päonia. Erst Dienstag fange ich wieder an zu arbeiten. Vorige Woche habe ich an 5 Tagen 9 Staatsexamina à 1 Stde gehabt.
Über den 3. Juni will ich nichts sagen.
Vom Guyan bei ruhigerer Gelegenheit. Überhaupt bitte ich Sie um Nachsicht mit m. Briefen: sie sind spärlich und kurz. Aber das Herz ist dasselbe und lebt in der Gewißheit, die Kraft gibt, so daß meine Niederlage mir eine physische, garkeine seelische war. Mit herzlichen Grüßen Dein Eduard.
[li. Rand] Der Frhr. v. Rein hat den gewünschten Brief geschickt. Der junge Budenb. ist auch Konsul, hat die <Kopf> Krankheit mitgebracht!