Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Juni 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 26. Juni 1913.
Geliebtes!
Diese Zeilen sollen Ihnen am 27. Juni sagen, daß ich noch lebe. Jene sehr pessimistische Nachricht muß ich doch dahin ergänzen, daß einige Stunden darauf des Rätsels Lösung eintrat: ein Gewitter von ganz ungewöhnlicher Schwere. Aus allen Kellern der Grassistr. schöpft man noch heute das Wasser. Der (übrigens herrliche) Tumult, der abends um 9 losging, war schon die Nacht vorher in meinem Kopf. Ich nahm dann ½ Pulver Veronal, schlief seit langem wieder gründlich u. las am nächsten Tage ein sehr anständiges Kolleg. Das Gleichgewicht, das ich jetzt wieder gefunden habe, ist gewiß sehr labil. Ich lebe nach jeder Richtung hin vorsichtig und ernähre mich ausgesucht. Die Arbeit suche ich nach Möglichkeit
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| auf 6 Stden. am Tage zu beschränken. Es ist Menschenpflicht, möglichst bis zum 7.VII auszuhalten, weil da die Staatsexamina zu Ende sind, und erreiche ich diesen Termin, so ist der Rest natürlich viel leichter u. freier; der Regierung ist es dann ziemlich gleich, wann man aufhört.
Den Grund des Ganzen sehe ich doch nicht in der Arbeit allein: Ich habe mehr Ferien u. Reisen gehabt als je; ich mache nie eine Arbeitsdebauche bis in die Nacht, sondern bin immer vorsichtig. Der Grund liegt im Klima, und dies ist andrerseits doch wieder das Betrübende. Ich habe nach allen 4 Seiten der Stadt gesucht, nirgends frisch, nirgends erträglich, geschweige denn schön. Zum 100. Mal in diesem Sommer zieht sich jetzt schon wieder ein solches Gewitter zusammen. Eine Dame, die Schriftstellerin ist u. auf der Reichenau bei Spickers gewohnt hat, sagte mir, daß man im Sommer geradezu geistig degeneriere. - Übrigens soll jetzt F. W.
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| Förster
den Ruf nach München haben. Zum Glück der Leipziger; in diesen Tagen hätte ich ihn angenommen!
Hier waren erhebende Zeppelintage. Gestern Einweihung einer Judenschule, am Sonntag Kösen, woran ich nicht teilnehme, wie ich übhpt jede Einladung konsequent ablehne.
Daß ich Sie mitgenommen hätte, ist doch selbstverständlich; nur wollte ich auch Sie nicht wieder vor der programmmäßigen Zeit aus Ihrer Tätigkeit aufstören. Ich muß ihnen zwar der Wahrheit nach gestehen, daß ich hier eine heimliche Liebe habe, so heimlich, daß ich sie noch nie gesehen habe; aber sie lebt: denn glühende Zeiten des Einverständnisses sind in meiner Hand und ein mannesgroßes Bouquet steht im Nebenzimmer - bei Stolpes. Ich habe aber die kleinen Blumen lieber.
Heute Brief v. Budenbender mit Dank für Ihren Besuch. Man kann sich selbst wenig Hoffnung machen. Zu meinem Geburtstag
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| hat mir die halbe Welt schon am 24. gratuliert; die andre Hälfte heut. Das ist nicht angenehm, auch wenn man wenig Wert auf solchen Tag nach außen legt. Er wird wohl so verlaufen:
8-9 Kolleg. ½ 10 - ½ 11 Examen. ½ 12 - ½ 1 Eröffnung der Korrespondenz. 1 - ½ 4 Essen mit Friedmann. ½ 5 - 6 Konferenz über den Int. moralpäd. Kongreß 1914. ½ 8 - ½ 10 Übungen.
In der Riehlsache laufen täglich Unterschriften ein. Die Sache geht jetzt ruhig u. schön, nachdem ich sie allein in der Hand habe
Wenn ich in den nächsten Tagen nicht schreibe, ist das kein ungünstiges Zeichen. Von tätsächlichen Verschiebungen jedenfalls erhalten Sie Nachricht. Aber den Barometerstand eines nervösen Kopfes in dieser Giftzone zu verfolgen - das will ich Ihnen nicht zumuten.
Für alle Ihre Liebe - auch die im Packet unterwegs befindliche - herzlichen Dank. Ich denke täglich an unser Zusammensein. Schreiben Sie mir doch etwas über Zell (Höhe u. Eisenbahn.) Mir an sich sehr sympathisch. Wie ist es mit Schluchsee? Viele herzliche Grüße, auch <li. Rand> an Frl. Knaps. In treuer Liebe auch im 32. Jahre des Kampfes. Dein Eduard.
[Kopf] Es kommt schon wieder ein Gewitter.
[re. Rand, S.1] Im Keller steht nach 1 tägigem Schöpfen u. Pumpen noch immer das Wasser 10 cm hoch.