Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juni 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 29. Juni 1913.
Liebe Freundin!
Ein großer Bogen für die große Sendung, mindestens als Symbol meines Dankes. Ihre lieben Worte, die Bestätigung innerster Gewißheit, sind mir immer das Schönste; sie geben dem Tag die eigentliche Weihe, der ja nur darum Bedeutung gewinnt, weil man an ihm der tiefsten und heiligsten Beziehungen des persönlichen Lebens eine Stunde der Einkehr widmet. Ich danke Ihnen also vor allem für das, was Sie mir sind.
Aber auch für das, was Ihre Liebe mir wieder Schönes aufgebaut hat. Die große Mappe, die alles umschloß, muß schon eine würdigere Bestimmung erhalten. Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo ich so große Manuskripte schreiben kann. Der Rahmen hängt über dem Aktenschrank, u. beim wandernden Meditieren bleibe ich vor den Bildern und den lieben Erinnerungen stehen. Das Thermometer ist mir willkommen u. hilft einem Bedürfnis ab. Das übrige wird aufgefressen. Die Manschettenhülle - ach wenn sie doch erst in Tätigkeit träte! Ich möchte noch viel darüber sagen; aber das wissen Sie ja, daß ich bei alldem nicht weniger empfinde, als Sie hineingelegt haben.
Ich sitze im übrigen in einem Rosenhag! Schon vor 7 Uhr deponierte Herr Schuldirektor Dr. Schröbler (Glauchau) einen Strauß auf meinem Kaffeetisch (und um 8 fing mich sein Nachfolger an der Straßenecke ab.) Friedmann schickte einen Korb mit den Blumen, die das Fähnlein der 7 Aufrechten auf dem Professorium als Abzeichen getragen hat. Von der Paula in Ch. kamen Rosen (während mein Vater Cigarren u. Briefbogen gespendet hatte.) Mein Onkel sandte
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| von Wilhelmshöhe ein ganzes Kilo dickknospiger Rosen, und dazu kamen die von Stolpes, die - das muß ich besonders von der alten Dame sagen - es jetzt an Rat nicht fehlen lassen, um mir aufzuhelfen. Der Tag selbst war leider unruhig. Erst um 10 kam ich zum Lesen der Gratulationen. Ich schicke sie, was Sie hoffentlich nicht übelnehmen, zuerst nach Charlottenburg; später dann Ihnen.
Wie ist das eigentlich mit Ihrer Fahrt zu der Tante, die mich auch durch ihr Gedenken unverdient erfreut hat? Ich bin da nicht ganz im Zusammenhang. Treffen wir uns vielleicht in Cassel - wo ja auch mein Onkel jetzt ist - und fahren gleich von dort weiter?
Ihr Rat, gleich abzubrechen, ist gewiß lieb u. gut gemeint. Aber Sie müssen auch an die denken, deren Augen auf mich gerichtet sind, d. h. die Examenskandidaten, denen meine Flucht erhebliche Schwierigkeiten hervorrufen würde. Meine Nervosität kehrt jetzt auf ein erträglicheres Niveau zurück. Ich muß nur sehr viel Pausen machen, dann geht es zur Zeit. Das soll kein Eid sein, daß es bis zum I.VIII geht. Aber je mehr Tage vergehen, desto leichter wird doch auch der Seelendruck. Wenn die Staatsexamina aufhören (7.VII), habe ich an zwingenden Arbeiten nur noch die Vorlesungen. Dissertationen nehme ich nun nicht mehr an: es sind also im ganzen noch 3 zu lesen. Die mündlichen Doktorprüfungen sind keine große Anstrengung.
Ich mache es so, daß ich zunächst denke: die kommende Woche wird es noch gehen. Dann sind Sonnabend u. Sonntag wieder ruhig, u. hoffentlich geht es noch eine Woche. Ich schreibe Ihnen gewiß; aber ausführlich nur selten, weil ich gerade bei längerem Schreiben sehr ermüde. Heut ist Kösen; ich bin nicht hingefahren. Frau Rohn u. Frau Volkelt (die mich heut besucht hat) kümmern sich sehr freundlich um mich.
Die Briefe in der Sache Riehl habe ich auf viele Tage verteilt u. beinahe alle geschrieben. Die Freundschaft ist völlig in Blüte.
Eins müssen Sie noch lernen, um Ihretwillen: nämlich zu merken, wenn ich in m. Briefen etwas mit dem bekannten ironischen Lächeln
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| schreibe. Sie drehen daraus oft eine so erschreckliche Blutwurst und trüben uns das Amüsement.
Dienstag kommt Nieschling hier durch. Freitag Willy Böhm, für den ich aber leider nicht frei bin. Ludwig ist der einzige, der an m. Geburtstag ganz fehlt.
Frl. Knaps sagen Sie bitte meinen sehr herzlichen Dank. Ich schreibe später selbst.
Hier ist alle Tage noch Gewitterluft. Ein elendes Land, von Gott schwer gefaßt. Aber München ist besetzt (F. W. Förster) unter Übergehung sämtlicher Vorschläge d. Fakultät.
Nunmehr Schluß mit der Bitte, zwischen den Zeilen zu lesen, was Sie etwa vermissen. Mit allen guten Wünschen in dankbarster Liebe
stets Dein
Eduard.