Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Juli 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 10. Juli 1913.
Mein Liebes!
Nur ein paar kurze Worte zum Geleit des Packetes in Eile. Es ist mir im voraus ein Trost, daß sie nicht viel konfuser werden können, als Ihr letztes herzliches Schreiben. - Also ich hoffe, daß Sie glücklich in Cassel sind u. die Tante wohl gefunden haben, auch bemüht gewesen sind, mich einigermaßen rein zu waschen: die Gesinnung ist nämlich nicht schlecht, nur die Besinnung ist mangelhaft. Für den lieben Geburtstagsbrief werde ich ihr bald selbst danken.
Nun zu unsern Projekten. Das, mein Teures, verstehen Sie schlecht, mit dem 1 Woche früher schließen. Man weicht entweder der Not, d. h. 4 Wochen früher, oder man beißt sich durch. Aber 8 Tage früher Ferien machen, macht einen schlechten Eindruck. Gerade die letzte Woche ist Hauptgeschäftswoche, u. mit allen Kollegs bin ich weit zurück. Ich muß also - wenn ich kann - bis zum 1. August 9 Uhr früh lesen, beabsichtige aber am 2. August bereits zu fahren.
Und da ich von Ihnen keine positiven Vorschläge mit Höhen- u. Entfernungsangaben, wie es sich gehört, erhalten habe, so hat sich inzwischen bei mir ein Gedanke herauskristallisiert, der allmählich Macht über mich gewinnt, wenn Sie ihn nicht im Keim ersticken:
- Berchtesgaden -
Wenn Sie einmal nach Wilhelmshöhe kommen, suchen Sie vielleicht m. Onkel, Linden Allee 1, Villa Waldeck, auf. Er war vor 3 Jahren in B. u. kann am Besten, auch über Privatwohnungen, Auskunft geben. Wie hoch liegt B, das ist die Hauptsache, nur wegen der Luft; denn Wärme gehört fest zu meiner Sehnsucht.
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| Dann aber wäre es unzweckmäßig, den Bogen über Cassel zu machen. Vielmehr lehrt mich eine flüchtige Kursbuchlektüre, daß Sie, wenn Sie um 11.11 von Cassel abfahren, um 6.54, daß ich, wenn ich um 11.10 von Leipzig abfahre, um 6.15 in Nürnberg sein kann. Und von dort wären wir am 4. August in B. - Auch über Schluchsee höre ich gar Gutes; es liegt mir aber zu sehr von den großen Bahnstrecken nach Berlin.
Daß es mir jetzt besser geht, ist kein Zweifel, aber natürlich ist die Sache nur verkleistert. Seit Montag sind die Staatsexamina vorbei; seitdem habe ich nun schon wieder 2 Dissertationen erledigt. Es ist übhpt ungeheuer, was ich trotz allem schaffe. Gestern kam Telegramm v. Hamburg, ob ich zwischen 24.7. u. 6.8. erkrankten Meumann in akademischen Ferienkursen vertreten kann. Abgelehnt u. an Otto Braun verwiesen. - Hier beginnt jetzt der Turntrubel. Am Sonnabend u. am Mittwoch werde ich mit m. Vetter u. Frau aus Lüdenscheid zusammensein. Am 15. Juli fahre ich zum Geburtstag m. Vaters nach dem Kolleg nach Berlin. Es fehlt also nicht an Strapazen.
Mit Frau Dürr haben Sie sich aber gründlich geirrt. Die Sache liegt ganz anders. Frau Dürr ist eine reputierliche dicke alte Dame, die mich in würdigen Kongreßangelegenheiten besucht hat. Meine "Geliebte" aber habe ich überhaupt noch nicht gesehen, ihr auch noch nicht geschrieben.
Damit für heute Schluß. Der verehrten Tante viel gute Wünsche. Ihnen innige Grüße. Bitte äußern Sie sich über B. Es ist mir wünschenswert, zu wissen, wohin ich Zeitung, Post etc. dirigieren kann. Zu Irrfahrten bin ich z. Z. nicht unternehmend genug.
In treuer Liebe
Dein Eduard