Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Juli 1913 (Leipzig)


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Leipzig, den 18. Juli 1913.
Liebe Freundin!
Die Wolken fangen an sich zu lichten, und da werden Sie mir krank? Ich war recht erschrocken, als ich die Bleistiftzeilen sah. Außerdem will es mir vorkommen, als dauerte das nun schon recht lange und als hörte ich davon nur einen Teil. Ist es wirklich nur eine harmlose Halsentzündung? Haben Sie den Arzt und was sagt er? Wenn Sie das Schreiben anstrengt, so schreibt mir vielleicht einer von den anderen eine Karte. Jedenfalls besinnen Sie sich auf unser Versprechen, nichts zu verschleiern!
Unter diesen Umständen habe ich gar keinen Mut, an Reisepläne zu denken. Das Reisen, besonders so weit, bekommt Ihnen selten, und ich bin recht besorgt, ob Sie sich nicht um meinetwillen schädigen.
Um aber doch Ihre Fragen zu beantworten: Unbedingte Voraussetzung ist für mich Höhenluft ohne ständige Gewitterbildung. Sehr erwünscht ist ein See in der Nähe. Berchtesgaden würde mich sehr anziehen; aber Sie schrieben nicht, wie hoch es ist. Sterzing, Zell etc. ist alles sehr weit. Von Reutte habe ich in meinem Leben noch nichts gehört. Darüber müßte ich also erst den Bädeker lesen; bitte schicken Sie doch, wenn Sie können. Die Eisenbahnlage gefällt mir. In der Nähe sind ja wohl die Königsschlösser?
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| Wenn Sie mir den Baedeker von Oberbayern schicken können, werde ich schon zu einem positiven Vorschlag kommen. Ich habe jetzt mehr Zeit u. lebe als ein Mensch, nachdem die Staatsprüfungen vorbei sind. Dabei habe ich doch jede Woche noch 6 - 10 Doktoren. Mittwoch war ich mit m. Verwandten harmonisch zusammen. Angenehme Eindrücke.
Reiselektüre? fällt immer erst hinterher ein. Ich bringe natürlich einiges mit. Vischer, Auch Einer habe ich noch nie gelesen.
Sie müssen recht bald gesund werden, das ist mir jetzt das Wichtigste. Tun Sie dafür, was Sie können, durch Vernunft und Sorgfalt. Die verehrte Tante wird auch recht betrübt sein, daß es Ihnen in C. so traurig geht.
Alle guten Wünsche und allerseits herzliche Grüße
Dein
Eduard.