Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Juli 1913 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 26. Juli 1913.
Liebe Freundin!
Ihre lieben Zeilen mit dem Packet kamen 2 Stunden nach meinem Angsterguß, den ich nun nicht mehr zurückrufen konnte. Sie haben mich nur halb beruhigt. Ganz werde ich es erst sein, wenn ich weiß, daß Sie wieder unbehindert ausgehen und daß kein Rest zurückgeblieben ist. Lassen Sie jedenfalls die nötige Vorsicht und Schonung nicht um der Reisepläne willen außer Acht. Wenn Sie am 2.VIII noch nicht ohne alle Bedenken reisen können, dann komme ich erst nach Cassel. (Apropos: mein Onkel ist wieder fort).
So zurückhaltend ich erstens wegen Ihres Befindens, und in ganz zweiter Linie wegen des Wetters mit Reisegedanken bin, so danke ich Ihnen doch für den ehrwürdigen
[2]
| Baedeker, den Sie mir geschickt haben. Er scheint ein leiblicher Vater, des Bädeker, den ich mir inzwischen von Rohns geborgt habe. Beide liegen zusammen; ob sich die beiden Generationen verständigen werden?
Nach Studium aller in Betracht kommenden Orte möchte ich mich auch für Reutte als erstes Ziel entscheiden. Ist es nicht geeignet, so kommt man von dort leicht weiter. Bei sehr ungünstigem Wetter wartet man jedenfalls in den Städten vor dem Gebirge, um nicht so einzuziehen, wie voriges Jahr in Freudenstadt. Also – alles obige vorausgesetzt – eventuell sehen wir uns am 2. August Abends, mein Engel von Augsburg, ja? Über die Züge verständigen wir uns noch per Karte! Brief lohnt nicht mehr.
Der Konflikt, von dem ich schrieb, ist in einem Meer von Tränen, das
[3]
| sich an meiner steinernen Energie brandete, wieder fortgeschwommen. Der ganze Vorfall hat mein Ansehen und meine Stellung hier entschieden verstärkt, weil im richtigen Augenblick der Pädagog durch den Ärger durchbrach. Das sehr umfangreiche Aktenmaterial darüber bringe ich Ihnen mit. Gestern Abend habe ich bereits die Übungen in schönster Harmonie geschlossen. Heute Mittag im Ratskeller Bewirtung von Holzhausen, Schröbler, Lehner (Nürnberg.) Dann Fakultätssitzung mit 15 Punkten. Noch 5 Vorlesungen. Der Besuch relativ recht stark, mehr als bei Wundt, der mit dem doppelten begonnen.
Friedmann geht möglicherweise nach den Plansee. Er ist hier das Gefäß meiner Herzensausschüttungen; hat etwas Teilnehmendes. Den Ärger der letzten Tage, der auf einen sehr nervösen Boden bei mir fiel, hat er mir recht erleichtert.
[4]
|
Sie schreiben garnichts von unsrer verehrten Tante. Ist sie mir böse?
Für die Reise empfehle ich Decken und allerhand Warmes mitzubringen.
Nach Berlin komme ich nun vor Sept. nicht mehr. Riehls reisen Sept. nach Amerika – Mich hat hir Frl. Branca überfallen. Sie lesen das so ruhig. Aber es ist furchtbar!
Ich will heut nicht mehr redselig werden. Also: Ein Ehrenwort: reisen nur bei völliger Wiederherstellung; sonst ehrliche Nachricht.
Viele herzliche Grüße sämtlichen Hadlichen
Dein
Bruder.

Danke auch für die Fressalien. Immer willkommen.

Anhang zum 26. Juli
Liebe Freundin!
Der junge Dr. Budenbender ist gestorben. Gestattet es Ihr Zustand (wie ich hoffe und ersehne), so bitte ich Sie, den alten Leuten ein Wort zu schreiben. Heute nur dies
Herzlichst
Eduard.