Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. September 1913 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 5. September
Geliebtes!
Es wird mir schwer, nun wieder der Feder anzuvertrauen, was wochenlang so viel unmittelbar von Herz zu Herz klingen durfte. Noch erfüllt und berauscht von dem ungetrübten Glück dieser Tage danke ich Dir für das, was Du mir bist. Unser Zusammenleben hat in 10 Jahren manche Epoche durchlaufen; für jede Regung habe ich in Dir das tiefste Echo gefunden. Du bist im Gefühl, mir bewußt nachgegeben zu haben; ist es umgekehrt nicht auch so? Sahst Du nicht, wie alle Bücher vom Plato bis abwärts zum Vischer liegen blieben, wie jedes Fachgespräch mir unlieb war (Simultanschule!), weil ich nur mit Dir zusammen sein wollte und am Leben mit Dir wieder Kraft zu gewinnen strebte, nur in inniges Anschauen Deiner
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| Natur versunken? Oder besser: ich hatte keine Sehnsucht nach Gestalt, die Harmonie und Musik unsres Gemeinsamlebens füllte mich ganz aus.
Leider muß dies nun alles der gewohnten Form rationaler Betätigung weichen. Um mich gewaltsam dem Abschiedsschmerz zu entreißen, las ich in der Bahn fast den ganzen Pohle. Die Fahrt war sehr angenehm. Bei Potsdam ging wieder vor meinen Augen ein Zeppelin ins Bett.
Berlin war mir im ersten Moment zuwider: nicht wegen des Lärms und Gestanks (Shakespeare), sondern wegen der ekelhaften Menschen, die man sieht, wegen der Ungesundheit der ganzen Kulturform, die man sonst nicht so stark empfindet.
Meinem Vater geht es erfreulich gut; alles war sorgfältig auf meinen Ton gestimmt. Er hat sich in den Philippi, der heute früh kam, sogleich verbissen. Er fühlt auch und sagte heut, wie glücklich er ist, wenn Sie
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| bei mir sind. Das Haus ist blitzblank, ordentlich, im einzelnen manches verbessert. Alles zeigt Sorgfalt. Paula selbst waltet mit Gemütlichkeit über sich selbst und dem andern.
Ein großer Haufen Briefe zeigt, daß die Saison wieder einsetzt. Manche persönliche Not wird mir da geklagt. Frau Rohn schrieb an uns, während wir an ihr vorbeiführen. Der Famulus erstattet Bericht. Den höchsten Gipfel der Berühmtheit habe ich erstiegen: am 30. August hat die BZ am Mittwoch über einen Passus aus den "Wandlungen" einen ganzen Aufsatz gebracht: "Vortragsmeierei", dem ich als Kronzeuge präsidiere. Tews hat sich darüber krank geärgert und will antworten. Ich werde mit ihm ein Abkommen treffen nach dem Grundsatz: "Haust du meinen Juden." Und sonst allerlei.
Auf dem Wege zur Bank traf ich als ersten Bekannten den langweiligsten Menschen v. Berlin, einen entfernten Verwandten des häßlichsten Menschen von Nietzsche; in der Bahn
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| dann 2 böhmische Kollegen.
Der lieben Tante sagen Sie, wie wohltuend mir immer auch nur wenige Stunden in Ihrem Hause sind. Ich werde ihr, solange Sie dort sind, auch noch schreiben, und dies sicherlich.
Das Kursbuch hat nicht gerade Eile; ich will nicht gleich wieder reisen. Ich habe mich aber mit den Ferienkursen wohl geirrt. Sie sind nicht am 1. 2. 3.X., sondern beginnen schon am 29.IX. Also schmilzt die Zeit noch mehr zusammen.
Mir ist, als müßte ich noch tausenderlei Auspacken. Es liegt aber sonst nichts vor, sondern eigentlich mehr rückwärts - wenn nicht das Gedenken schöner Tage mir zugleich trauliche Gegenwart wäre. Lebe wohl, mein Liebling, und nimm diese Hand und diesen Kuß in die Ferne!
In innigster Liebe
Dein
Eduard.

[re. Rand, S.1] Heute morgen kam Dein Gruß.