Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. September 1913 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 10. Sept. 1913
Liebe Freundin!
Ihre gestern eingetroffene Sendung enthielt so ziemlich für jedes Sinnesorgan etwas. Und wenn nicht der liebe Brief dabei gelegen hätte, müßte ich mich über Ihren Materialismus beklagen. Ehe ich antworte, will ich Ihnen erzählen, was ich inzwischen gemacht habe:
Ich habe so ziemlich alle Arbeitsfäden angesponnen, dreierlei, und bin in jedem wieder gut drin. Außerdem habe ich bei Böhm in 3 verschiedenen Klassen je eine Stunde gegeben, Probelektionen vor mir selbst, Nr. 3, Nr. 3 - 4 und heute in der 4. Klasse Nr. 1 - 2. Heute hatte ich Fontane vor: ich habe mir seine Gedichte gekauft und mich daran erfreut; er ist mein Mann.
Bei Riehls war ich am Sonnabend; verfuhr mich erst mit den Dampfern, traf dann ihn allein und war gleich wieder in bestem Konnex. Frau Riehl kam spät, war freundlich; zu Auseinandersetzungen kam es infolgedessen nicht. Vielleicht am Sonnabend, wo philosophischer Abend ist. Am
[2]
| 18. reisen sie ab. Der Aufruf ist nach Besprechung mit Jäger in Druck gegeben.
Was Sie mir von der Schwierigkeit der Akklimatisation schreiben, ist mir ein Beweis unsrer bis ins letzte gehenden Harmonie. Am 1. Tage ging es mir - bei großer Vorsicht - sehr gut. Am 2. Tag nach jeder Richtung miserabel. Schmerzhafte Verdauungsstörungen. Die Schmerzen dehnten sich vom Krug bis in beide Kniee aus, so daß ich mich nur mit Mühe bücken konnte. Das ist doch sicher Folge der Lebensveränderung und nervös; in den Knieen und Hüften sitzt doch kein Darm. Ich habe Rotwein, Hafergrütze etc. herangezogen, bin mäßig gelaufen und fühle mich jetzt weit besser. Übrigens bin ich dabei im Kopf immer gut arbeitsfähig gewesen und garnicht sehr müde.
Am Sonntag war ich mit dem kostbaren Registrator auf dem Tegeler See - Harmsdorf, gestern mit Frl. Thümmel bei herrlich klarem Wetter am Müggelsee. Dort sah ich im Mondschein ein Militär- (?) Luftschiff bis auf den See herniedertauchen und so liegen bleiben, dann stieg es wieder auf u. fuhr mit eleganten Wendungen auf Grünau zu davon. Heute las ich, daß
[3]
| in Helgoland ein gleiches verunglückt ist.
Briefe fliegen hin und her. Aber ich bohre mich vorwiegend in den Plato. Eben schrieb mir Ludwig einen rührenden, unglücklichen Brief. Es geht ihm sehr schlecht. Er will im Winter Urlaub nehmen. Sagen Sie mir doch, ob Sie es für unrecht hielten (ich meine in Bezug auf meine sonstigen Verpflichtung) wenn ich ihm 500 M anböte, damit er ins Engadin reist und einmal gründlich etwas für sich tut. Sein Brief - Sie werden ihn lesen - ist ergreifend und alter Tage eingedenk. Morgen will ich zu ihm.
Was den Stempel betrifft, so danke ich herzlich für Ihre Mühen. Den Geschmack sollen Sie eigentlich liefern. Ich dachte so: Professor Spranger Leipzig, Grassi-Str.14 [neben der Zeile] schmal u. lang
2 Zeilen kursiv wie S.s oben, in Gummistempel schwarz. Aber wenn Sie Hübscheres wissen - Sie wissen doch, es geht immer nach Ihnen.
Ich muß Sie tadeln! Glauben Sie wirklich, ich hätte geglaubt, Sie hätten sich über mich beklagt? Nanu aber!
Bei Herrn Kurt u. Walther haben Sie mich hoffentlich auch entschuldigt.
Die B2 haben Sie irrig beurteilt.
[4]
|
Aus für mich nicht bestimmten Äußerungen zwischen Riehls habe ich den deutlichen Eindruck, daß der Fall Schmidt in Berlin die Sache nicht erledigt. Vielmehr wird wohl später (?) noch ein Ordinariat gegründet werden.
Mein Vater ist von dem Philippi ganz entzückt u. beschäftigt sich und seine Umgebung immerzu damit.
Ich habe nicht ganz mit dem Enthusiasmus unterrichtet wie einst. Natürlich, es fehlt der dauernde Konnex. Aber ich bin doch wieder ins Fahrwasser gekommen u. bedaure nur, daß ich so wenig positives Wissen im Kopf habe, infolgedessen eigentlich immer nur Deutsch geben kann. Aber hier fehlen mir alle Vorbereitungsbücher, übrigens auch die Zeit. Willy ist köstlich. Neulich fuhr er mich an: Herr Kandidat, es hat längst geläutet. Wenn Sie so anfangen wollen. Der alte Herr saß im Lehnstsuhl, ganz wie früher, und erzählte mir allerhand von seinen Kompositionen. G. Thiele habe ich besucht. Heute will ich zu Rißmanns Nachfolger, der mir einen schönen Brief geschrieben hat. Aber die Hauptsache ist der Plato, u. das Schwerste. Er zwingt mich auch, hiermit für heut zu enden, obwohl ich noch viel Liebes auf dem Herzen habe. Grüßen Sie die verehrte Tante u. meine spezielle Freundin. Stündlich Ihr gedenkend, dankbar, innig u. treu Dein Eduard.
[li. Rand] Stolpes sind wieder zu Hause. Eingebrochen scheint nicht zu sein.